Im Hotel “Lux” | Вальтраут Шелике

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Im Hotel “Lux”

Kinder des Hotel Lux

Markus Kompa 05.11.2011

Waltraut Schälike wohnte von 1931 bis 1949 in der legendären Moskauer Herberge

Im aktuellen Kinofilm Hotel Lux dient das einstige Moskauer Hotel der Komintern, das während der Nazi-Diktatur viele deutsche Kommunisten beherbergte, als Kulisse für eine gelungene politische Tragikkommödie. Die Hauptfigur, ein eigentlich opportunistischer Varieté-Künstler, ist an den trickreichen Hochstapler Hanussen angelehnt. (Das Begleitmaterial zur aufwändigen Produktion verweist auf den Telepolis-Artikel Erik Jan Hanussen – Hokus Pokus-Tausendsassa.) Im Film sieht man auch drei Lausebengel, die als Kinder deutscher Exil-Kommunisten den Hotel-Bewohnern Streiche spielen. Während vieles im Spielfilm der künstlerischen Freiheit geschuldet ist, gab es solche Kinder wirklich: So wuchsen Waltraut Schälike und ihre zwei in Moskau geborenen Brüder Tür an Tür mit der Elite der späteren DDR auf. Im Gespräch mit Telepolis schilderte sie ihre Erfahrungen.

Im Alter von vier Jahren begleitete Waltraut Schälike ihre Eltern nach Moskau. Ihr Vater war der kommunistische Berliner Funktionär und Verleger Fritz Schälike, der 1927 wegen “literarischem Hochverrats” verurteilt worden war. Wie viele Exil-Kommunisten wurden sie im Hotel Lux einquartiert, das bereits seit langem als Gästehaus der Komintern diente. Im Lux bekam jede Familie einen Raum zugewiesen, die Flurbewohner teilten sich die Küche und Bad.

Das zentral an einer Prachtstraße gelegene Haus war nichts Besonderes, der im Film gezeigte riesige rote Stern auf dem Dach ist ein dramaturgischer Einfall. Die Räumlichkeiten waren zwar tatsächlich einfach, entsprachen jedoch dem bescheidenen russischem Standard. Während im damaligen Russland Armut und manchmal auch Hungersnöte herrschten, wurden die Lux-Bewohner zuverlässig versorgt. Jedenfalls zu Waltraut Schälikes Zeiten gab es dort anders als im Film keine Ratten, solche hätten wegen der vielen Hauskatzen auch keine Chance gehabt. Die einzige Ratte dort war eine zahme weiße Ratte, die das Mädchen als Haustier hielt, jedoch nach einer Woche auf Weisung der Mutter in den Zooladen brachte.

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Schlafende Waltraut. Foto: Fritz Schälike

Wohl an die 10 bis 20 Kinder pro Korridor lebten im Lux, das insgesamt 600 Menschen beherbergte. Die zweisprachig aufgewachsenen deutschen Kinder unterhielten sich auch untereinander auf russisch, liefen in Scharen durch das Hotel und brachten den Neuankömmlingen vermeintlich harmlose russische Wörter bei - bei denen es sich in Wirklichkeit um Schimpfwörter handelte. Häufig klopften die Kinder an die Türen, um nach Briefmarken zu bitten, die bei internationalen Gästen wie diesen natürlich aus aller Herren Länder eintrafen.

Die Kinder und ihre jungen Gäste konnten das Haus jederzeit betreten oder verlassen, Erwachsene jedoch mussten beim Pförtner einen Passierschein (”Propusk”) vorweisen und ihren Pass abgeben, was in Moskau in vielen öffentlichen Gebäuden üblich war. Um Mitternacht hatten Fremde das Haus zu verlassen. Der Pförtner, den die Kinder “Onkel Wasja” nannten, war ein liebenswürdiger, älterer Mann. Das Lux sei kein Goldener Käfig, sondern schlicht und ergreifend ihr Haus gewesen. Den Kindern war es gleichgültig, wer welche Eltern hatte. Stolz war Waltraut Schälike jedoch auf ihre Begegnung mit dem Komintern-Generalsekretär Georgi Dimitroff, der im Reichstagsbrandprozess Göring und Goebbels vorgeführt hatte.

Der Große Terror

Als 1937 der Große Terror der stalinistischen Säuberungen begann, da hörte man gelegentlich nachts Schritte, wenn jemand abgeholt wurde. Natürlich hatte man Angst, selbst vielleicht in Misskredit zu geraten. Das im Film plakativ dargestellte Klima der Verschwörung und des Misstrauens im Lux kann Waltraut Schälike so aber nicht bestätigen. Viele schlossen nicht einmal die Türe ab. Auch hatte sie nicht den Eindruck, dass die Räume abgehört wurden. Wasserhähne zum Stören der Mikrofone - ein Running Gag im Film - gab es auf den Zimmern jedenfalls nicht.

Den Umgang der Deutschen untereinander, mit denen ihre Familie zu tun hatte, hat sie als sehr menschlich in Erinnerung, nicht als Kasernenhof-Kommunismus. Alle hätten an den Sozialismus geglaubt, es habe eine proletarische Solidarität gegeben. Dass in ihren Kreisen jemand den anderen beim NKWD denunzierte, hält sie für abwegig. Anfangs hatten viele geglaubt, die festgenommenen Bewohner seien tatsächlich enttarnte Feinde des Kommunismus, oder aber man vertraute auf die sorgfältige Arbeit der Gerichte, welche die irrtümlich Verdächtigten rehabilitieren würden. Der einzige aus den Kreisen der Schälikes, dem misstraut wurde, war “Kurt Funk” alias Herbert Wehner.

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In den Jahren 1937 und 1938 wurden ihre Brüder Wolfgang und Rolf geboren, deren Pflege ihr oblag. “Rolf und Wolf” galten im Lux als “Max und Moritz”. Häufig ärgerten sie Erich Wendt, den späteren stellvertretenden Kulturminister der DDR. Einmal mopsten sie ihm seine Schuhe aus dem Zimmer und rannten in verschiedene Richtungen, so dass Wendt nicht folgen konnte. Wendt war 1936 in das Visier des Geheimdienstes geraten, der ihn für politisch unzuverlässig hielt, zum Feind der Revolution erklärte und nach Sibirien schickte. Die Schälikes, die mit Wendt und seiner Frau Lotte Kühn eng befreundet waren, protestierten solidarisch gegen die Verhaftung, was ihnen den Verlust ihrer Funktionen und Anstellungen einbrachte, so dass sich die Familie mit Schreibarbeiten über Wasser halten musste.

Eine erwartete Verhaftung der Freunde des “Volksfeinds” blieb jedoch aus, dieser belastete auch unter der Folter niemanden. Auch, wenn die Schälikes einen Preis für ihre Haltung hatten zahlen mussten, so bewiesen sie, dass man auch in einem totalitären System wie der Sowjetunion menschlich handeln konnte. 1940 kehrte Wendt wieder nach Moskau zurück. (Nach seinem Tod 1965 heiratete Lotte Kühn Walter Ulbricht, dem sie im Kinofilm bereits als Partnerin zugeschlagen wird.)

Kriegsjahre

Während des Krieges war Moskau zwar lange Zeit fernab der Front gewesen, jedoch wurde auch dort die Versorgungslage schwieriger. Als Waltraut Schälike einmal die Marken für das Brot verlor, halfen etliche Bewohner spontan aus. Statt an Schwarzbrot kamen die Schälikes auf diese Weise sogar an Weißbrot, weshalb der Vater scherzhaft vorschlug, doch öfter mal die Marken zu verlieren. Ähnliche Solidarität der Mitbewohner erfuhr die Familie, als Rolf in der Küche beim Toben ein Regal umwarf und fast alles Geschirr zu Bruch ging.

Die Teenagerin lernte damals auch die Söhne des Schriftstellers und späteren Botschafters Friedrich Wolf kennen, Markus (”Mischa”) und Konrad (”Konny”). Markus Wolf arbeitete mit Fritz Schälike beim antifaschistischen Propagandasender Radio Moskau, wo unter anderem der deutschen Bevölkerung die Listen von Kriegsgefangenen vorgelesen wurden. Mit den Wolfs verbrachte sie einmal den Urlaub. Konrad wurde in der DDR später ein bekannter Filmemacher, Markus Chef des außenpolitischen Geheimdienstes.

Studium

Nach dem Krieg zog die Familie wieder nach Berlin, wo der Vater wieder den Dietz-Verlag leitete. Waltraut Schälike jedoch blieb in Moskau, weil sie an der Lomonossow-Universität studierte und inzwischen im Lux mit ihrem ersten Mann zusammenlebte. 1947 erhielt sie wegen einer Reise nach Berlin eine Rüge, weil dies ihre Gesinnung als Sojwetbürgerin infrage gestellt habe. 1949 beantragte sie Tilgung dieser Rüge, woraufhin man sie erst Recht der Wankelmütigkeit verdächtigte und vor versammelter Mannschaft per einstimmiger Akklamation von der Universität ausschloss.

Der Ausschluss litt jedoch an einem Verfahrensfehler, da die Entscheidung nicht während ihrer damaligen Schwangerschaft und der Abwesenheit des im Urlaub befindlichen Ehemannes hätte erfolgen dürfen. Hilfe kam von unerwarteter Seite: Im Studium war sie in ihrer Gruppe auf Stalins Tochter Swetlana gestoßen, die aufgrund ihrer Prominenz ziemlich isoliert war. Obwohl die Studentinnen keine Freundschaft pflegten, sorgte Swetlana Stalina hinter den Kulissen dafür, dass die Angelegenheit im Sande verlief und das Studium beendet werden konnte.

Waltraut Schälike verließ das Lux 1949 und lebte vierzig Jahre in Kirgisien. 1959 promovierte die Historikerin und lebt heute wieder in Moskau. Ihre Kindheit im Lux bewertet sie als glücklich. 2006 veröffentliche Sie ihre Autobiographie Ich wollte keine Deutsche sein.

 

актуализировано 10. Mai 2013