FRAGEN UND ANTWORTEN: “LUX”, MARX, LIEBE u.a. (DEZEMBER 2010) | Вальтраут Шелике

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FRAGEN UND ANTWORTEN: “LUX”, MARX, LIEBE u.a. (DEZEMBER 2010)

BINI ADAMECZAK interviewt WALTRAUT SCHÄLIKE

Waltraut Schälike, 1927 in Berlin geboren, verbrachte ihre Kindheit und – mit Unterbrechung durch die Evakuierung während des deutschen Angriffkrieges – auch ihre Jugend im Hotel Lux. Ihre Erinnerungen wurden im Dietzverlag unter dem schönen Titel „Ich wollte keine Deutsche sein“ veröffentlicht.

Bini: Waltraut Schälike, Du beginnst deine Memorien mit einer Beschreibung der Widerstände, gegen die sich deine Mutter durchzusetzen hatte, als sie beschloss ein Kind zu bekommen. Warum war es für Kommunisten oder Kommunistinnen der zwanziger Jahre (in Deutschland) verpönt, Kinder in die Welt zu setzen?

Waltraut: Es war nicht verpönt, sondern gefährlich ein Kind zu kriegen, da die jungen Kommunist /innen immer mit einer Verhaftung rechnen mussten. Eine Verhaftung der Eltern gefährdete das Kind, anderseits konnten die Gefahren für das Kinde ein Grund für das Versagen der Eltern im Gefängnis werden. Außerdem gehört ein Revolutionär der Revolution, und nicht Familienangelegenheiten (das Letzte sei das Hauptinteresse der Kleinbürger). Das waren die Motti der Wahl eines Leben ohne Kinder.

Apropo: Mein Vater wurde, als ich neun Monate alt war, tatsächlich verhaftet und zu einem Jahr Festunghaft verurteil.

Bini: Dass „Familienangelegenheiten“ etwas Kleinbürgerliches seien, klingt schon danach, dass es verpönt war – einen schlimmeren Vorwurf gab es in Arbeiterinnenbewegungen ja gar nicht. Die Kleinbürger hätten vermutlich – wenn sie gefragt worden wären – geantwortet, die Familie sei Angelegenheit der Frauen, der Mann gehöre ganz dem Beruf (und wenn der zufällig Revolutionär ist… Wurden Fragen sozialistischer Organisation von Reproduktion, Beziehungen, „Erziehung“ schon für die Gegenwart diskutiert (wurden) oder wurde das auf „nach der Revolution“ verschoben?

Waltraut: Familienangelegenheiten umfassen alle Probleme einer Familie (Essen, Kleidung, Wohnung, Kinderbetreuung, Kindererziehung, Gesundheit, Liebe u.a.) und brauchen so viel Zeit und Kraft, dass sie ohne weiteres ein ganzes Leben einer Frau (Haushalt und Kinder) und eines Mannes (Geldverdienen für die Versorgung der Familie) damals im XX Jahrhundert in einer Arbeiterfamilie erfüllen (begrenzen) konnten. Da blieb keine Zeit übrig für Selbstentwicklung und revolutionäre Tätigkeit. Die jungen Kommunist/innen aus Arbeiterfamilien wollten das Leben (Schicksal) ihrer Eltern und Großeltern nicht wiederholen und schoben “Familienangelegenheiten” einfach in die Schuhe des “Kleinbürgertums”, das kein wahres Interesse an gesellschaftlichen und politischen Problemen hat, nur meckert, wenn ihm in der Gesellschaft was nicht passt.

“Fragen sozialistischer Organisation von Reproduktion“, Beziehungen, “Erziehung” wurden, natürlich nicht nur für die Zukunft, sondern auch für die Gegenwart heftig diskutiert und im eigenen Leben praktiziert, auf Grund der Gleichberechtigung von Frau und Mann. Ob allen Kommunist/innen das alles im persönlichen Leben schön gelang ist eine andere Frage …

Bini: Du beschreibst, welche Doppel- bzw. Dreifachbelastung es für deine Mutter bedeutete, ein Kind großzuziehen, Lohnarbeit zu tätigen und politisch aktiv zu sein. An dieser Stelle stellt sich die Frage, ob es nicht Möglichkeiten gegeben hätte, die Kinderbetreuung solidarischer zu gestalten, zwischen den Genossen oder Genossinnen zu verteilen. Auch die Frage nach dem so genannten Vater, der zwar für lange Zeit die Kinderbetreuung und den Haushalt übernehmen wird, aber erst viel später, nämlich als er aufgrund einer Augenerkrankung nicht mehr lohnarbeiten kann. Im sozialistischen Feminismus wird ja meist der Eindruck erweckt als gäbe es nur die zwei Optionen: Mutter oder Staat – die Möglichkeit, Reproduktionsarbeit auch im Kleinen gerechter zu organisieren kommt so nicht in Betracht.

Waltraut: Meine Eltern bauten die Verhältnissein in unserer Familie auf Grund der Gleichberechtigung von Mann und Frau und auch der Kinder auf. Und solidarisch war die Kinderbetreuung schon damals in dem Sinne, dass meine Mutter und Emma Lanius (auch eine Mitarbeierin des Verlages, den mein Vater leitete) mich und Emmas Karli zusammen abwechselnd erzogen, und die junge Hilda, die oft bei mir blieb als Papa im Gefängnis saß, auch Mitglied der KPD war. Ich weiß auch aus Mamas Erzählungen, dass mein Vater mich im Kinderwagen spazieren fuhr, was die Leute auf den Staßen Berlins ziemlich aufregte, da „Männer so was doch nicht tun!“ Papa aber stolzierte mit dem Kinderwagen grinsend weiter. Meine Eltern wollten nicht nur die Welt verändern, sondern auch eine Familie erzeugen, in der es überhaupt keine Unterdrückung gibt.

Ich bin in einer solidarischen Familie aufgewachsen, bei uns zu Hause gab es keine Männer- und Frauenteilung der Arbeit. So habe ich auch meine Söhne erzogen, die können alle Hausarbeiten machen, einer sogar besser als seine Frau, die Tänzerin war (sie hat aber alles bei meinem Sohn gelernt, auch ein Kind zu baden).

Bini: Der Widerspruch zwischen Privatem und Gesellschaftlichem oder zwischen Persönlichem und Politischem zieht sich durch deine ganze Kindheit und Jugend. Oft scheint es, als stünden sich beide Bereiche feindlich gegenüber, wobei die kommunistische Maxime lautete, das Persönliche dem Politischen unterzuordnen. Gäbe es denn nicht auch die Möglichkeit, die beiden Bereiche einander etwas mehr anzunähern, sich gegenseitig durchdringen und verändern zu lassen – so dass das Persönliche politischer und das Politische ein wenig persönlicher würde?

Waltraut: Natürlich kann (und muss) man das Persönliche und Gesellschaftliche im Leben mehr annähern und den Widerspruch aufheben. Aber das braucht Zeit und Anstrengung für jeden auch in einer einzelnen Familie und in einer ganzen Gesellschaft.

In der Zeit meiner Kindheit und Jugend war das noch ein fast unlösbarer Widerspruch und auch eine Form der Unterordnung der Menschen seitens des Staates (durch das Motto ‚Gesellschaftliches steht über Persönlichem’). Und das war unsere Qual: die Schule zum Beispiel verlangte, dass ich viel gesellschaftliche Arbeit als Pionier leiste, unsere Familie brauchte mich als Hilfe im Haushalt und für die kleinen Brüder und das führte zu Konflikten in der Schule und zu Hause.

“Familienangelegenheiten” sind gar nichts “kleinbürgerliches”, sondern ein wichtiger Bereich menschlicher Verhältnisse, in dem viel Glück und Schöpfertum noch “versteckt” sind (wie auch Unglück und Unterdrückung da auch noch hausen).

Bini: Das Leben im Hotel Lux lerntest du ab 1931 aus der Perspektive des Kindes kennen. Es gab dort Gemeinschaftsküchen, in denen sich die Menschen solidarisch unterstützten, aber dennoch – nach Familien – getrennte Haushalte aufrechterhielten. Du schreibst, dass jeder sah, was der andere zubereitete, so dass sich der Wohlstand der anderen einschätzen ließ. Obwohl im Lux nur überzeugte kommunistische Funktionäre lebten, gab es in den Gemeinschaftsküchen dennoch Vorhängeschlösser vor Geschirr und Kochtöpfen. Warum?

Waltraut: Unsere Türen, die zum gemeinsamen Korridor und Küche führten, waren am Tage nie zugeschlossen. Gerade darum konnten wir Kinder immer nach Briefmarken fragen. Ohne an eine Tür zu klopfen, machten wir sie einfach auf, steckten unseren Kopf in die Spalte und stellten unsere Frage „Gibts da Marken?“ Niemand schimpfte, viele hatten für uns Marken zum Schenken bereit. Warum gleichzeitig das Geschirr und die Kochtöpfe in der gemeinsamen Küche hinter Schlössern verborgen wurden weiß ich nicht. Vielleicht aus Mangel in den Läden an solchem Zeug? Oder war das Geschirr einfach privat wie eine Zahnbürste?

Und noch was: Im „Lux“ lebten nicht „nur überzeugte kommunistische Funktionäre“, sondern auch viele andere Menschen, die im „Lux“ arbeiteten, was aber mit dem Geschirrproblem überhaupt in keiner Verbindung steht. Im „Lux“ wurde vor dem Krieg nichts geklaut. Während des Krieges blieben laut Vorschrift alle Türen zu den Zimmern, in denen niemand wohnte (die Einwohner waren nach Ufa evakuiert) offen, ,,um eventuellen Brand“ zu löschen. Nichts brannte, aber geplündert wurde.

Bini: Schön ist die Anektdote von Gruscha, einem Kindermädchen vom Land, das dich als Kleinkind einige Zeit betreute während du krank warst. Du vermutest, dass deine Eltern Gruscha eines Tages entließen, weil sich solche „bourgeoise Allüren“ nicht ziemten. Gleichzeitig war für dich der Kontakt zu Gruscha einer der wenigen Kontakte zur durchschnittlichen sowjetischen Bevölkerung in einem sonst sehr ausgewählten – um nicht zu sagen elitären – Umfeld.

Waltraut: Das Umfeld im „Lux“ war eigentlich gar nicht so elitär, wie man denken kann.

Im „Lux“ wohnten nicht nur „ kommunistische Stars“, wie Du dich ausdrückst, sondern auch die Familien der Bodenscheurer, der Reinemacher u.s.w. Meine beste Freundin in der Studentenzeit, Walja, war die Tochter eines Bodenscheurers und wohnte gegenüber unserem Zimmer. Im Sommer waren wir Kinder dann im Pionierlager die der „Stars‘ und „Nichtstars“ zusammen, wie auch nachher im Krieg im Internat. Außerdem gingen wir Kinder in Moskauer Schulen, wo auch Kinder aus allen Schichten lernten (auch in unserer Schule).Und wir gingen zu unseren Schulfreundinnen zu Besuch zu ihnen nach Hause. Wir kauften in Moskauer Läden ein, standen Schlange nach Lebensmitteln u.s.w. Elitär war das Moskauer Leben im Vergleich mit dem Leben außerhalb Moskaus, aber auch Moskau war verschieden. Meine Klassenkameradinnen lebten in weit besseren Verhältnissen als ich im „Lux“ (wir wohnten 5 mann in einem Zimmer, manche Schülerin hatte ein einzelnes Zimmer). So war Gruscha gar nicht so was ganz Besonderes in meinem Leben. Solche Frauen sah ich jeden Tag auf den Staßen Moskaus, im Zug bei Skiausflügen, in unsere Schule als Putzfrau u.s.w…

Bini: Ok, aber Leute auf der Straße zu sehen und mit ihnen einen engen, freundschaftlichen Kontakt zu haben, ist ja noch mal was anderes. Aber Gruscha bedeute für dich auch eine Begegnung mit der Religion. Welche Rolle spielte Religion für dich?

Waltraut: Religionsfragen wurden bei uns zu Hause nicht besprochen. Ich weiß nur aus Mamas Erzählung, dass man mich im Entbindungsheim in Berlin unbedingt taufen wollte, was Mama aber nicht zuließ mit den Worten: „Schon meine Mutter hat mich nicht getauft, und da wollt ihr dass ich diesen Blödsinn mit meiner Tochter mache?!“ Man prophezeite ihrer Tochter daraufhin einen Haufen Unglück im Leben, was Mama zum Lachen brachte. Sie war so eine freche Berliner Schnauze mit der kommunistischen Überzeugung, dass ein Gott auf dem Himmel einfach großer Quatsch ist. „Ein normaler Mensch glaubt doch nicht an einen Gott!“ – Mamas Ansicht.

Ich glaube auch nicht an einen Gott.

Bini: Im Hotel Lux sahst du auch den Helden Dimitroff. Was waren das für Begegnungen mit „kommunistischen Stars“, wer trieb sich da sonst noch so namenhaftes in deiner Umgebung herum?

Waltraut: Im „Lux“ wohnten Pieck, Ulbricht, Zeisser, (ich nenne diejenigen von denen ich als Kind was hörte) und viele andere Kommunisten, die später an die Führung in vielen Ländern kamen. Uns Kinder interessierten diese Menschen nicht im Geringsten als irgendwelche „Stars“, so einen Begriff gab es überhaupt nicht. Auch im Pionierlager oder nachher im Internat fragten wir nie, wer der Vater oder die Mutter unseres Mitschülers eigentlich ist. Das war nicht unser Problem. Wir Kinder waren so richtig gleichberechtigt, wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen sollte.

Bini: Gab es den Ausdruck Helden nicht? Der Held der Arbeit kam später, aber der glorreiche Revolutionär? Hat der keine Rolle für Kinder gespielt

Waltraut: Eine interessante Frage! Es gab, natürlich, den Ausdruck Helden. Und Dimitroff war für uns Kinder ein riesengroßer Held, der sich während des Leipziger Prozesses so tapfer und klug benahm, dass er sogar Göring in Wut versetzte. Mein Kindertraum war Dimitrow mal im Leben zu sehen.

Und da verriet mir eines schönes Tages meine Kinderfreundin Renate Zeisser, dass dieser Held gleich vom Flughafen zu uns ins “Lux” kommen wird. Wir werden den lebendigen Dimitrow sehen, am ersten Tag seiner Befreiung und seiner Ankunft in Moskau?! Ist so was möglich? Und wir haben ihn auch wirklich gesehen, besser gesagt ich persönlich nicht ihn, sondern nur seine Hände, auf die ich konzentriert starrte als wir in seine Stube durften.. Ich musste da an den Händen die schwarzern Ringe von den Handschellen erblicken. In den Zeitungen wurde ja so viel von den Qualen des Helden wegen dieser Handschellen geschrieben und ich “erlebte” diese Qualen mit ihm in meiner Kinderseele. Wir erblickten Dimitrow an einem Tisch, mit den Händen auf der Tischplatte. Und ich sah nun mit meinen kurzsichtigen Augen das, was ich sehen wollte: die Wunden. So ein Glück!!!

Ich habe oben geschrieben “ Eine interessante Frage!“, denn erst jetzt fällt mir auf, dass für uns Kinder “andere Helden” im “Lux” nicht lebten. Helden waren die Papanin-Polarforscher, der Flieger Tschkalow, aber nicht die Mitbewohner unseres Hauses. Komisch? Oder normal?

Bini: Mit fünf Jahren riefst du begeistert: “Dank dem Genossen Stalin für unsere wunderschöne Kindheit!’ Eine zu der Zeit sehr verbreitete Losung, nicht wahr?

Waltraut: Ja, eine sehr verbreitete Losung damals. Ich saß wärend eine Demonstration ganz hoch auf den Schulten meines Vaters und brüllte aus aller Kraft meiner Kinderkehle: „Ich danke Genossen Stalin für unsere glückliche Kindheit!“ Niemand forderte dies von mir, ich glaube auch niemand erwartete dies. Es was meine eigene Initiative, damals aus vollem Herzen. Ideologie drang auch in Kinderseelen.

Bini: Gab es wirklich (bzw. gibt es immer noch) eine Kropotkinstraße mitten im Stalinismus? Oder wurde diese Straße nach der gleichnamigen Stadt benannt und nicht nach dem berühmten Anarchisten?

Waltraut: Es gibt immer noch eine U-Bahnstation „Kropotninskaja“ nach Kropotkin benannt, bestimmt auch die Straße.

Bini: Eine sehr eindringliche Geschichte ist die Stachanowepisode (1936). Aus deiner harmlosen Bemerkung während des Schulunterrichts, dir sei dieser Stachanow ein wenig zu viel, da nur noch darüber im Radio berichtet und weniger Musik gespielt würde, entwickelte sich ein Bedrohungsszenario, das gerade auch deine Eltern sehr belastete.

Waltraut: Als ich mich so ohne “Hochachtung” über Stachanow äußerte, wurde meine Lehrerin kreideweiß und bestellte meine Eltern zu sich in die Schule. Ich konnte nicht verstehen, was ich da angestellt habe, ich wollte doch nur mehr Literatur und Musiksendungen im Radio hören als immer über den Stachanow – warum so ne Aufregung? Aber meine Eltern wurden auch kreideblass als ich heulend nach Hause kam, sie versuchten mir klar zu machen, dass man so was über den Helden Stachanow nicht sagen darf. Nun verstand ich nicht, warum nicht nur in Wien und Berlin, den Städten der Bourgeois die Klappe gehalten werden müsse, sondern auch im sozialistischen Moskau. Ich war neun Jahre alt, und heulte einfach von neuem los.

Bini: War diese Episode die erste Berührung mit der gesellschaftlichen Angst, gewissermaßen das Erlernen der Angst? Welche Rolle spielte die Angst, die zB Wassili Grossman als zentral für diese Epoche beschreibt?

Waltraut: Ich muss gestehen, dass ich diese Zeit nicht als das Erlernen der Angst empfand und auch heute diese Zeit nicht so wie Grossman einschätze. Für ein Kind war die Situation mit Stachanow ein Erlernen der Vorsicht vor einer Gefahr, die zu vermeiden war; das Erlernen, dass man nicht mit jedem und nicht überall über alles reden kann und soll, aber nicht das Erlernen ständiger Angst im Alltag. Ich hatte keine ständige Angst, obwohl es verständlicher scheint, damals immerzu in Angst gelebt zu haben. Vielen ging es bestimmt so, aber mir und meinem Freundeskreis in der Kindheit und später in der Jugend nicht, wir lebten nicht in ständiger Angst.

Als ich im Pionierlager in der Krim war, wurde uns einmal verdorbene Creme serviert. Alle Kinder bekamen Bauchweh, einfach weil die Creme schlecht geworden war. Aber da wir in einem Alltag lebten, in dem „überall Spitzel tätig sind“, so war die Geschichte mit der Creme auch ein Werk “von Spitzeln”.

Ein Kind gewöhnt sich an das Leben, in das es reinrutscht. Die Eltern klären ihr Kind über die Gefahren des Lebens auf, zum Beispiel über die Gefahr des Ertrinkens, erzählen, was das Kind nicht tun darf beim Baden u.s.w. Hat daraufhin etwa jedes Kind vor dem Baden im Fluss Angst?

Die Geschichte mit der Creme sah für mich als Kind am Ende sogar romantisch aus: „Jemand wollte uns vergiften, hat es aber nicht geschafft. Hurra!!!“ Wir hatten nun auch noch ein strenges Geheimnis, dass wir sogar unseren Eltern nicht verraten durften. „Wie interessant“! Und dazu auch noch das Glücksgefühl („der Feind hat es nicht geschafft!“), welches die Empfindung einer Gefahr der Vergiftung überwog (die Gefahr war ja schon vorbei.)

Ich hatte nachts im „Lux“ Angst, dass mein Vater verhaftet wird. Aber das war auch nicht jede Nacht so, nur wenn ich die Stiefelschritte hörte, was aber auch nicht jede Nacht passierte. Und am Tage Angst zu haben fiel mir überhaupt nicht ein.

Ich lebte in Illusionen? Oder war das ein gesundes Nervensystem in mir als Kind? Oder kam es daher, dass meine Eltern in mir keine Angst züchteten? Ich war zu Hause bei Mama und Papa als Kind geborgen, vielleicht hatte ich darum keine Angst? Ich weiß es nicht.

Bini: Du fühlst dich in deine Eltern zu dieser Zeit ein und versuchst sich vorzustellen, wie schwer es ihnen gefallen sein muss, Dir als Kind zu erklären, warum Du Dich mit deiner Äußerung über Stachanow falsch verhalten hast, wenn ihnen die Ursache ihrer Furcht doch selbst nicht ganz klar gewesen sein dürfte. Warum ist die Ursache der Angst – auch heute noch – so schwer zu verstehen?

Waltraut: Um die damaligen Ursachen der Angst schon damals zu verstehen hätte man sich als erstes eingestehen müssen, dass in der SU zumindest nicht alles OK war, was aber beim Weiterdenken zu Enttäuschungen über den „realen Sozialismus“ geführt hätte. Vielleicht sind die Ursachen auch heute noch nicht klar, weil es Menschen überhaupt schwer fällt mit Enttäuschungen umzugehen? Eine bewusst verstandene Enttäuschung verlangt entsprechend das vorige, gewohnte und als richtig empfundene Verhalten und die eigene gewohnte Tätigkeit radikal zu verändern … Nicht jeder hat die Kraft dazu, sein Leben, seine Einstellungen radikal zu ändern, besonderns wenn andere ringsum überhaupt „nicht enttäuscht sind“. Massenpsychologie?

Bini: Anhand eines Briefes deines Vaters zur Geburt deines Bruders, der mit „Ein Hurra unserm Genossen Stalin“ endet, entwickelst du einige Überlegungen zu Stalinismus und dem emotionalen Eingebundensein der Kommunisten oder Kommunistinnen. Findest du es nicht erstaunlich, dass sich dein Vater noch mehr als über ein Kind darüber zu freuen scheint, dass es „ein Sohn ist“?

Waltraut: Mein Vater hatte schon eine Tochter, und wollte natürlich nun auch noch einen Sohn haben, wie fast alle Männer auf der Welt. Mich wundert das nicht im Geringsten.

Und Papas Hurra dem Genossen Stalin im Freudezustand wegen der Geburt seines Sohnes zeugt bestimmt von seinem emotionellen Verbundsein mit der Sowjetunion und mit Stalin und das gerade im Jahre 1937. Mein Vater glaubte an den sovjetischen Sozialismus mit der ganzen Seele. Und gerade darum, wegen seines Glaubens an die Gerechtigkeit in der UdSSR, hatte er keine Angst in derselben Zeit seinen 1936 verhafteten Jugendfreund Erich Wend zu verteidigen und nach Möglichkeit überall zu beweisen, das Erich kein “Feind des Volkes “ ist. Mein Vater wurde deswegen in derselben Zeit entlassen.

Bini: Du schreibst, dein Vater hätte das Lob auf Stalin nicht aus Furcht, aus Berechnung an seinen Brief angefügt, sondern aus aufrichtiger Begeisterung. „Sie konnten, sie wollten nicht glauben“ (übrigens genau meine Formulierungen auch) schreibst du, deine Eltern wollten ihre Träume nicht aufgeben. Die Mächtigkeit dieser Träume erklärst du sehr bewegend mit dem Leben deiner Eltern und deren Eltern im deutschen Kapitalismus, dem Elend und den Erniedrigungen, denen sie ausgesetzt waren und die sie hofften mit Marx überwinden zu können. Aber muss mensch nicht manchmal seinen Glauben [an den realen Sozialismus] aufgeben, sich aller Illusionen entledigen, um die Hoffnung [auf eine gerechte Gesellschaft] zu retten?

Waltraut: Natürlich muss ein Mensch gerade das tun, was Du schreibst. Ist ganz meine Position und mein Verhalten. Aber der Mensch braucht dazu Zeit, Wissen und sogar Mut.

Für meine Eltern war die Zeit noch nicht da, es fehlte ihnen auch an Wissen. Mut, so glaube ich heute, hätten sie gehabt. Aber aus der Massenideologie und ihrem Glauben konnten sie damals nicht rausspringen, ihrem Wesen nach waren sie keine Nonkonformisten. Das ist keine Beschuldigung, einfach eine Tatsache.

Bini: Du schreibst weiterhin, deine Eltern seien von dem Wunsch beseelt gewesen, der Partei die Treue zu halten und vergleichst selbst die Haltung zur Partei und zum Marxismus mit einem Glauben. Sind dies zu kritisierende Überbleibsel von atheistischer Religion, ein Fortleben der Tradition, das sich für eine aufgeklärte Partei eigentlich hätte verbieten sollen? Oder sind diese Momente von Glauben irreduzibel, also notwendig und unverzichtbar auch für zukünftige emanzipatorische Bewegungen?

Waltraut: Ein Kind glaubt seinen Eltern, Liebende glauben einander und wenn so ein Glaube verletzt wird, ist der Mensch unglücklich. Vielleicht entspricht dem Wesen der Menschen eine Dualität des Verstehens der Welt: mit dem Verstand (dem Kopf?) durch Wissen (Bewusstsein), und mit den Gefühlen (dem Herz?) durch Glauben (Unterbewusstsein?). Auf jeden Fall muss eine Partei (wie auch jeder Mensch) nicht nur an das Bewusstsein des Menschen appellieren, sondern auch an die Gefühle der Menschen, wenn man verstanden werden will.

Bini: Weiter schreibst du, dass deine Eltern noch 37/38 die Verhaftungen für bedaürliche Ausnahmen hielten. Aber wie konnten sie zu diesen Einschätzungen kommen? Hatten sie den Umfang der ersten Säuberungswelle – 34-36 – nicht erfassen können? Und hätten sie denn nicht auch schon bevor sie in die SU kamen, merken können, dass sich das sozialistische Land stark von seinen anfänglichen Idealen entfernt hatte? Wie wurde denn der Ausschluss der Opposition und der Trotzkisten in deinem Geburtsjahr von deinen Eltern und deren Genossinnen gewertet? Sie lasen ja auch Rosa Luxemburg. War deinen Eltern und dir die Kritik Luxemburgs schon an der bolschewistischen Revolution bekannt?

Waltraut: Bini, so ein Haufen Fragen! Das sind Fragen, die nur meine Eltern selbst beantworten könnten. Woher soll ich wissen, ob sie Rosa Luxemburgs Kritik an der bolschewistischen Revolution schon kannten? Dazu gab es ja auch noch Lenins Kritik an Rosa Luxemburg, vielleicht hatte Lenin sie mehr überzeugt, als Rosa? Ich weiß das nicht.

Wir sehen heute die damaligen Probleme aus der Sicht des Zusammenbruchs der UDSSR, wir suchen die Ursachen u.s.w. Diese Erfahrung hatten meine Eltern nicht, sie hatten andere Probleme zu wälzen. Und schon sehr gut, dass während der Säuberungen 1936-38 Mama und Papa nicht daran glaubten, dass ihre verhafteten Freunde wirklich Feinde waren (und mir, einem 9-11jährigen Kind, diese Treue gegenüber den Vätern meiner Freundinnen übergaben). Wie ich schon erwähnte, kämpften meine Eltern für die Freilassung von Erich Wendt und verloren so die Arbeit. Aber Erich wurde 1940 befreit, wenn auch ohne das Recht nach Moskau zurück zu kommen. Mein Vater fuhr 1940 sofort zu seinem Freund nach Saratow. Worüber sie sich da unterhalten haben, hab ich keine Ahnung.

Ich weiß nur, dass sie sich an das Prinzip hielten: „Persönliche Ungerechtigkeit darf nicht den gemeinsamen gerechten Kampf für den Sozialismus stören“. So eine Einstellung versuchten meine Eltern mir immer wieder beizubringen. Ich glaube, das war ein verbreitetes Motto, an das sich viele Komunist/innen hielten.

Bini: Änderte sich das Verhältnis deiner Eltern – dein Verhältnis – zu Stalin, der kommunistischen Führung, Regierung, nachdem dein Vater entlassen worden war – wegen mangelnder Wachsamkeit! – und deine Mutter auch noch in Sippenhaft genommen wurde?

Waltraut: Bei meinen Eltern – Nein, es veränderte sich nicht. Ich selber war nur 10-12 Jahre alt und machte mir in diese Richtung überhaupt keine Gedanken.

Um die Denk- und Gefühlsweise meiner Eltern von damals zu verstehen darf man nicht vergessen, dass es zur selben Zeit nicht nur Verhaftungen gab, sondern dabei auch ‚große sozialistische Bauten’, Polarforschungen und anderes, das den Glauben an Sozialismus aufrecht hielt.

Bini: Du kommst nicht umhin zu konstatieren, dass deine Eltern sich in einer Sackgasse befanden, aus der wir, ihre Kinder, Enkel, Großenkel usw. herauskommen möchten. An der gleichen Stelle schreibst du, der Versuch, den Sozialismus zu realisieren, musste scheitern, weil er in einem einzigen Land unternommen wurde. Glaubst du, das ist der Hauptgrund für das Scheitern der Revolution? Die allgemeine Hoffnung von Lenin, Bucharin, Trotzki usw. richtete sich ja auf die deutsche Sozialdemokratie. In seiner Autobiographie schildert Franz Jung die Arroganz genau jener Genoss_innen gegenüber Russland, Victor Serge konstatiert die Unfähigkeit der deutschen Kommunist_innen nach dem Tod Luxemburgs und Liebknechts. Meinst du, die deutschen Linken hätten wirklich eine Verbesserung erbringen können oder nicht auch wieder ganz andere Probleme auf den Plan gerufen?

Waltraut: Lenin, Bucharin, Trotzki richteten sich nicht nur auf die Deutsche Sozialdemokratie, sondern auf die verschiedensten revolutionäre Bewegungen 1918-1921 in der ganzen Welt (wie auch Marx). Diese sozialen und nationalen Bewegungen hatten unter anderem viele bürgerliche Aufgaben zu lösen, die mit sozialistischen Veränderungen der Welt nichts zu tun hatten, aber eine Einheit in den Vorstellungen, Motiven und Handlungen der Teilnehmer/innen in diesen Revolutionen darstellten. Welche Programme nun wirklich realisiert wurden hing von Erfolg oder Scheitern dieser Revolutionen ab. Ohne die Siege proletarischer Revolutionen in Europa konnte die russische Revolution nicht aus den Rahmen einer erfolgreichen bürgerlichen Revolution rausspringen (trotz aller sozialistischen Losungen und Wünsche, die auch schon in der Französischen Revolution XYIII hochkamen und auch heute lebendig sind).

Bini: Mir ist die Unterscheidung von „bürgerlichen“ und „sozialistischen Aufgaben“ und die Vorstellung einer notwendigen Abfolge, die sie beinhaltet mittlerweile eher suspekt. Warum soll das Herausspringen innerhalb Russlands ohne erfolgreiche Revolutionen in Westeuropa unmöglich gewesen sein?

Waltraut: Die Mehrzahl der Bevölkerung in Russland 1917 waren Bäuer/innen mit entsprechenden Vorstellungen über die Welt, über Gerechtigkeit, Freiheit u.s.w., unter anderem auch über das Privateigentum an Boden (verschieden bei Kulaken und armem Bauern). In den Großstädten gab es schon Großindustrie also auch Proletarier/innen, die aber selbst vor kurzem erst aus dem Dorf in die Stadt gekommen waren, mit allen Ideen und Vorstellungen, die auf dem Land verbreitet waren. Noch dazu waren die meisten Dorfbewohner/innen auch noch Analphabet/innen und glaubten an den lieben Gott.

Aus dem Dorf kamen dann später auch die meisten Vertreter/innen der Nomenklatura in der UdSSR. Was in deren Köpfen wirklich als Bedürfnisse, Motive, Träume u.a. wirbelte, zeigt der schnelle Umschwung der vielen aus der Nomenklatura in die neue russische Bourgeoisie nach 70 Jahren unrealem „Sozialismus“. Kambodscha zeigt das auch.

Marx sah Ende des XIX Jh. die heranreifende Revolution in Russland und vermutete in ihr eine zweite Ausgabe des Bauernkrieges, der sich in Richtung Sozialismus nur in der Einheit mit proletarischen Revolutionen im Westen entwickeln könnte. (Marx sah im äußeren Verkehr einen mächtigen Faktor für die Entwicklung einer Revolution. Französische Revolution als Beispiel). Dieser revolutionäre Prozess in Russland und im Westen wäre aber wiederum ein Bestandteil der Epoche sozialer Revolutionen, Bestandteil einer Weltrevolution, die nicht nur aus Siegen, sondern auch Niederlagen, nicht nur aus proletarischen, sondern auch bürgerlichen, ökonomischen, sozialen, politischen und geistigen Revolutionen in verschiedenen Ländern besteht (die auch nicht an einem Tage in einem Land alle gleich zusammen geschehen).

Es stellt sich natürlich die Frage, ob Europa (auch Deutschland, vor dem auch noch bürgerliche Aufgaben standen) schon Anfang des XX. Jahrhundert eine sozialistische (menschliche) Gesellschaft zu schaffen fähig war

Ich vermute, dass eine sozialistische Revolution Anfang des XX. Jahrhunderts nicht nur in Russland (was geschichtlich bewiesen ist), sondern auch in West-Europa (z.B. in Deutschland) noch keine sozialistische Gesellschaftsordnung schaffen konnte. Dazu war die ganze Welt noch nicht fähig.

Warum denke ich heute so?

Kommunismus ist eine Weltbewegung. Und wenn in der Welt in vielen Ländern noch kapitalistisch gewirtschaftet wird, so kann ein “sozialistischer Staat nicht ohne Kriegsindustrie, Armee usw. existieren. Und das versaut die “sozialistische” Wirtschaft und hat viele andern Folgen (man braucht und erzieht Offiziere und Soldaten, die ne Praxis in realen Kriegen brauchen und das töten lernen usw). Und das ist nur einer der Gründe, warum eine sozialistische Revolution noch nicht siegen konnte. Sie war keine Weltrevolution.

Aber auch das ist noch nicht Alles.

In Deutschlang sind die Ergebnisse der Novemberrevolution 1918 aus dem Rahmen der Aufgaben einer bürgerlich-demokratischen Revolution nicht rausgesprungen, und weiter gab es da keine Revolutionen mehr, außer lokaler Aufstände und Kämpfe. Und mit dem Faschismus ist Deutschland auch nicht selbst fertig geworden (Wieder die Rolle des äußeren Verkehrs). Und Deutschland war dabei ein Mittelpunkt revolutionärer Kämpfe. Warum geschah dies so und nicht anders? Die Gründe müssen wir finden, auch wenn das Suchen weh tut.

Bini: Richtig. Ich glaube jedoch auch, dass es ein schlechtes Erbe der Arbeiterinnenbewegung ist, immer wieder die Bäuerinnen zu einem zentralen Problem zu erklären, Marx hatte in seinem Brief an Vera Sassulitsch eine andere Position zur Dorfkommune entwickelt, die leider keine Rolle in der bolschewitsischen Politik spielte. Geschichtsphilosophisch halte ich darüber hinaus eine Unterscheidung für zentral: Historisch bewiesen ist, dass die Russische Revolution scheiterte, nicht, dass sie scheitern musste. Wir können z.B. nicht wissen, wie die Geschichte verlaufen wäre, wenn Trotzki im Bürgerkrieg die Demokratisierung der Roten Armee nicht rückgängig gemacht und die alte zaristische Befehlshierarchie wiedereingeführt hätte.

Waltraut: Doch, wir können das wissen. Es gibt nämlich noch andere als militärische Gründe. Einer der Hauptgründeder Vorzeitigkeit sozialistischer Versuche in einem oder ein paar Ländern liegt an der Entfremdung der Arbeit, die weltweit noch herrschte und die immer noch herrscht. Für eine Möglichkeit des Übergangs zum Kommunismus muss die Entfremdung der Arbeit aufgehoben sein, denn solange in der Welt der Zwang zur Arbeit besteht und noch bestehen muss, stößt jeder neue Versuch, heute sozialistisch zu wirtschaften auf diese Notwendigkeit zum Arbeitszwang, (in den verschiedensten Formen, bis zum GULAG). Laut Marx löst sich dieses Problem durch Aufhebung der Arbeit und den Übergang der Menschen zur Selbstbetätigung - was schon heute auch in Deutschland im Prozess des Werdens ist …

Bini: Was meinst du denn damit?

Waltraut: Ganz kurz: Selbstbetätigung ist, im Unterschied zur Arbeit (die nicht nur fürs Leben, sondern auch für Kriege (Töten) was erzeugt, lebensgefährliche Medizin herstellt und verdorbene Lebensmittel verkauft, aber den Menschen zwingt, sie trotzdem auszuführen u.s.w) eine gesellschaftlich nötige Tätigkeit der Menschen, die ein Mensch selbst wählt, weil sie ihm persönlich Freude macht und Befriedigung gibt (seinem Innerem entspricht), anderen Menschen nützlich ist und ihn selber und andere Menschen in Richtung Humanismus (Menschliche Gesellschaft) weiterentwickelt.

Derartige Menschen und Gemeinschaften, die nicht wegen äußerlichem Zwang (zum Geldverdienen), nicht wegen Profit, auf Kosten andere, ihre Tätigkeiten ausüben gibt es in der Welt, und auch in Deutschland, eine ganze Menge und in den verschiedensten Bereichen.

Diese Menschen schaffen a) neue Produktionsweisen, in denen nicht eine Ware das Ziel ist;

b) neue Verkehrsformen, in denen nicht das Geld, sondern der Mensch, das Ziel ist; c) neue Gemeinschaften , die nicht auf Konkurrenz, sondern auf Solidarität aufgebaut sind u.a..

Also schaffen diese Menschen durch ihre Selbstbestätigungen die Grundlage für eine andere Welt, auch wenn sie sich selber so große Aufgaben gar nicht stellen.

Dabei ist nicht zu vergessen, dass eine Möglichkeit des Übergags zum Kommunismus (Menschliche Gesellschaft) mit einer riesengroßen Veränderung des menschlichen Verkehrs der Menschen miteinander verbunden ist. Ohne dies wird z.B. bei jedem unvermeidlichen neuen Problem beim “Aufbau des Sozialismus” wieder „der Feind“ gesucht und gefunden, der an allem „schuld ist“ und ins Gefängnis gehört usw. Im Verkehr gibt es einen Haufen Probleme, die schon heute im Prozess einer Lösung sind (Mann und Frau, Kinder und Eltern, Türken und Deutsche usw.)

Bini: Die Einschätzung, die Revolution sei zu früh gekommen und habe scheitern müssen, scheint mir heute unter (ehemaligen) Kommunist/innen sehr verbreitet. (In gewisser Weise schließen sie sich damit alle dem alten Kautsky und natürlich den Menschewiki an, deren Politik aber auch scheiterte). Ich halte das für eine Art Trost: „Naja, es konnte halt nicht klappen“.

Wäre es nicht viel trauriger (weil zugleich hoffnungsvoller), wenn es hätte klappen können und trotzdem nicht geklappt hat? Ich glaube, es gab viele Möglichkeiten in der Geschichte, die Revolution zu einem anderen Ende zu bringen.

Waltraut: Bini! Oben sprachen wir schon über die seelischen Schwirigkeiten Enttäuschungen (in eigenen Vorstellungen und Wünschen) seelisch zu verkraften. Man kann sich natürlich damit trösten, dass Sozialismus in einzelnen Ländern möglich war, aber jemand hat es nicht geschafft (hat verraten und ist schuld, hätte es besser machen können usw). Mehr noch: solche Versuche wie in Russland wird es in der Welt noch lange weiter geben (Lateinamerika als Beispiel) und das ist nicht zu vermeiden. Aber besteht nicht auch da wieder die Gefahr in einen neuen Totalitarismus reinzurutschen, der mit Sozialismus nichts zu tun hat?

Darum müssen die Gründe des Scheiterns des Sozialismus in der UdSSR gefunden werden, auch wenn die wirklichen Gründe uns dann nicht mehr trösten können und eine andere Verhaltensweise verursachen können oder werden.

Bini: Bei dir aber klingt es so – vielleicht verstehe ich dich falsch, ich spitze zu – als müsste es erst Kommunismus geben bevor die Revolution gelingen kann. Aber die Verkehrsverhältnisse sollen sich doch in der Revolution verändern.

Waltraut: Bini. Ich stelle eine Frage: laut Marx ist der Übergang von einer gesellschaftlichen Formation zu einer anderen eine ganze Epoche der sozialen Revolution, die mit dem Entstehen neuer Produktionsweisen, neuer Verkehrsformen und neuer Klassenstrukturen schon im Schoße der alten Gesellschaft verbunden ist und möglich wird.. (Die alte Gesellschaft ist schwanger mit einer neuen Gesellschaft). Fällt der Übergang zum Sozialismus aus diesem Gesetz sozialer Revolutionen als einer ganzen Epoche(!!!) raus?

Bini: Hm, ich bin mir nicht sicher, ob dieses Modell andersrum für andere als der bürgerlichen Revolution gültig ist. Für den Übergang von Feudalismus zu Kapitalismus stimmt es, aber für andere historische Transformationsepochen?

Waltraut: Bini! Meinst Du, dass eine sozialistische Revolution mit Machtergreifung beginnen muss, und sich damit von bürgerlichen Revolutionen unterscheidet? Und vor der Machtergreifung haben die Kommunisten nichts anderes zu tun, als sich zur Machtergreifung vorzubereiten und den Kapitalismus scharf kritisieren (und auf das Volk schimpfen und meckern, weil es nicht jeden Tag auf Barrikaden steigen will?) So was Ähnliches stand in jedem Lehrbuch für Historischen Materialismus und entwaffnet die Kommunisten im Westen. Man kann und muss schon heute kommunistisch tätig sein in seiner Familie, in seine Umgebung, in vielen sozialen Bewegungen der Neuzeit, die bereit sind das Leben auf der Erde zu retten. Und nicht nur von der Macht träumen und für sie kämpfen. Und das ist auch eine Form der Selbstbestätigung in der heutigen Zeit.

Bini: Was die Politik angeht stimme ich völlig mit dir überein, nur bei dem Gesetz der ökonomischen Stufenfolge habe ich Zweifel …

Waltraut: m sowjetischen Marxismus-Leninismus hieß es: Ja, der Übergang zum Sozialismus geht nach anderen Gesetzen: erst Ergreifung der Macht (Diktatur des Proletariats), dann Sozialismus ökonomisch, sozial, kulturell, sozialistische Umerziehung der Menschen usw., viele viele Jahre lang, unter der weisen Führung der Partei. Das ist genau der Fall, wenn Kommunismus als ein Zustand der Gesellschaft empfunden (und erfunden) wird, der der Gesellschaft laut einer Idee (was Kommunismus ist) aufgezwungen wird (ganz nach Hegel).

Dabei ist der Kommunismus laut Marx nicht eine Idee, sondern eine wirkliche Bewegung in der Wirklichkeit, die schon heute theoretisch und praktisch da ist und an der man teilnehmen kann (nicht morgen nach der Machtergreifung) sondern schon heute, mitten drin in der bürgerlichen Gesellschaft, die laut Marx die wirkliche Arena der Geschichte ist.

Um das besser zu verstehen stelle ich noch eine Frage:

Kann man heute (du, ich, unsere Freund/innen) im persönlichem Leben in Deutschland zB. schon kommunistisch mit Menschen verkehren, nicht mit allen, aber mit vielen? Ja oder Nein? Oder müssen wir selber das auf die Zeit „nach der Revolution verschieben” und jetzt mit dem Ziel Profit zu erzeugen miteinander verkehren?

Bini: Bezüglich des Arbeitszwangs verstehe ich deine Position noch nicht ganz. Meinst du - ganz klassisch -, dass erst die Produktivkräfte soweit entwickelt sein müssen, dass die Arbeit fast vollständig maschinisiert ist? Oder redest du von der durch die kapitalistische Produktionsverhältnisse hergestellten Entfremdung, die den Zwang zur (Lohn-)Arbeit als etwas Natürliches erscheinen lässt? Letzteres kann doch wiederum nur durch Revolution überwunden werden, oder?

Waltraut: Die Entfremdung der Arbeit ist vielseitig und besteht auch darin, dass in der Gesellschaft noch Arbeitszweige bestehen und gebraucht werden, die keinem Menschen Freude und Selbstentwicklung geben können (Arbeit am Fließband zB). Und wenn ein Mensch lebenslang an solche Arbeit gebunden ist, ist es ihm im Prinzip schnurz egal für wen er schuftet – für einen Kapitalisten oder einen “Arbeiter und Bauernstaat”, Hauptsache, er bekommt regelmäßig seinen Lohn… Und dies betraf in der Sowjetunion eine Masse von Menschen (ist auch ein der Gründe warum die Arbeiter sich der Perestojka nicht verweigerten).

Arbeitengehen ist Alltag und ein riesengroßer Teil des Lebens. Gerade darum ist es so wichtig zu verstehen, ob eine künftige Revolution dieses Problem schon lösen kann und die Menschen von solchem Joch befreien wird oder nicht. Da macht der Kapitalismus durch Automatisierug der Industrie mit Computer (was der Kapitalist aber auch nicht immer gerne tut) eine “Arbeit” in Richtung Schaffung der Produktivkräfte, die der UdSSR fehlten und die darum Arbeitzwang für schwere monotone Arbeit in Industie und auf dem Land weiter brauchte (bis zum GULAG).

Eine sozialistische Revolution Anfang des XX Jahrhunderts konnte so eine Aufgabe der Befreiung von der Arbeit nicht lösen, und war in diesem Punkt wirklich vorzeitig und existierte (scheinbar) als “sozialistische”eine Zeit lang auf Grund von Illusionen, Staatsideologie und Totalitarismus.

Bini: Ich habe den Eindruck, dass du dir widersprichst. Einerseits sagst du, dass die Entwicklung kommunistischer Lebensweisen (Verkehrsformen) - und bereits das Nachdenken darüber, wie diese aussehen könnten – nicht auf die Zeit nach der „Machtergreifung“ – ohnehin ein problematisches Konzept – verschoben werden kann. Ich stimme dir völlig zu: dann ist es bereits zu spät. Andererseits sagst du aber, dass genau diese kommunistische Praxis auf die Zeit verschoben werden muss, zu der die (staats/kapitalistische) Produktivkraftentwicklung die entfremdete Arbeit potenziell aufgehoben haben wird. Bis dahin dürfen dann nur „bürgerliche Aufgaben“ erledigt werden.

Waltraut: Bini! Falsch verstanden! Ich behaupte gerade das Gegenteil: Ich bin für kommunistische Praxis in der Gegenwart, heute, nicht nur morgen, überall, wo kommunistische (auch wenn sie sich anders nennt!) Praxis spontan schon da ist, bewusst mitmachen, in Familien (auch eigenen), in Schulen (auch wo deine Kinder lernen), im Bezirk (auch wo Du wohnst), im Altersheim (wo dein Nachbar lebt), in der Kaserne (wo der Freund deines Sohnes dient), in der Zeitung und im Verlag (wo du arbeitest), überall, wo menschliche und entmenschte Verhaltungsweisen unserer Gegenwart alltäglich gegeneinander prallen. Das ist alles eine Art Selbsbetätigung, die einem Leben Sinn gibt. Das schließt auf keinen Fall politische Tätigkeit aus, eine Erarbeitung neuer Gesetze u.a .die sehr wichtig sind, aber nicht die einzigen seien können.

Aber man wüsste dabei auch verstehen, dass solange die Notwendigkeit zum Zwang zur Arbeit in der Gesellschaft noch besteht, jede Machtergreifung auf dieses Problem stoßen wird. Der Kapitalismus hat da seine ökonomischen Methoden erarbeitet, die immer noch wirken. In der UdSSR wurden administrative Methoden angewandt, die vielen Menschen die letzte Freude an der Arbeit raubten. Hast Du Rezepte?

Bini: Für die Gegenwart stimmen wir überein. Als Vorbereitung für eine andere Gesellschaft reicht es eben nicht, eine Geheimpartei und eine Zentralzeitung zu gründen. Aber wenn du sagst: Damals ging es von der ökonomischen Entwicklung her nicht - ist das nicht genau die bolschewistische Rechtfertigungsstrategie, mit der etwa Trotzki für die Militarisierung der Arbeit gegen die Arbeiterinnenkontrolle argumentierte, mit der auch die Revolutionierung der geschlechtlichen Arbeitsteilung auf den Tag verschoben wurde, an dem die stumpfe Hausarbeit vom Staat und Robotern übernommen werden kann? Gab es für die Sowjetunion (außerhalb der imperialistischen Bedrohung) wirklich eine materielle Notwendigkeit (!), die kapitalistische Geschichte von Kolonialismus und Sklaverei (in abgewandelter Form) zu wiederholen??

Waltraut: Das ist keine Rechtfertigung, nur eine Erklärung eines der Gründe, warum der Sozialismus in der UdSSR nicht zum Sozialismus wurde. Das müssen wir doch verstehen und Schlussfolgerungen ziehen…

Bini: Du nennst den Sowjetsozialismus „einen feudal gefärbten Kasernensozialismus“ – trifft das nicht schon auf die deutsche Sozialdemokratie zu und ist dieser Begriff deswegen nicht eher eine Verharmlosung (bei allen Schwierigkeiten, eine richtige Bezeichnung zu finden, ich weiß z.B. keine, die mir wirklich zusagt)?

Waltraut: Ich habe auch noch keine richtige Bezeichnung gefunden, die mir wirklich zusagt. Ich denke darüber immer noch weiter nach. Heute hätte ich so eine Bezeichnung, wie sie im Buch steht, nicht gebraucht. Für mich ist heute der Gedanke viel näher, dass es überhaupt kein Sozialismuss war, kein verdrehter, kein mutierter u.s.w. Aber was war es, um es wissenschaftlich exak zu formulieren?

Bini: In Berlin hat vor kurzem ein großer Kongress mit dem Titel „On the Idea of Communism“ stattgefunden. Der Titel bezieht sich auf den französischen Maoisten-Philosophen Alain Badiou, der vor allem die Idee des Kommunismus neu beleben will. In deinem kleinen Büchlein „Für eine menschliche Gesellschaft. Der Marxismus – Irrlicht oder ganzheitliche Theorie?“ entwickelst du eine sehr interessante Kritik an „der Idee des Kommunismus“. Du erkennst im stalinistischen Abbrechen der NÖP eine Privilegierung der Idee gegenüber dem wirklichen Zustand, in welcher du eine Ursache für den Totalitarismus siehst. Die stalinistischen Folterungen, schreibst du, geschahen „nicht zuletzt unter der Losung der Überprüfung ihrer Treue zu den Ideen des Kommunismus“. Was meinst du damit und wie sähe eine kommunistische Politik aus, die den Kommunismus weniger als Idee, sondern als „materielle, historische Vorwärtsbewegung der Menschheit“ verstünde?

Waltraut: Eine wunderbare Frage!

Laut Marx stammen die Ideen des Kommunismus (die Vorstellungen und Theorien über den Kommunismus) nicht aus dem Bewusssein (das wäre nach Hegel), sondern aus dem wirklichen Lebensprozess der Menschen (Sein). Das heißt: die kommunistischen Ideen und kommunistischen Handlungen (Bewegungen) haben als materielle Grundlagen nicht nur ungelöste (noch nicht begriffene, aber quälende) Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft, sondern auch schon verstandene und in Handlungen umgesetzte Versuche der Aufhebungen der Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaf (im individuellen oder gesellschaftlichen Leben).

Und die Aufgabe einer kommunistischen Politik ist nicht nur Kritik der bestehenden kapitalistischen Verhältnisse (Aufklärungstätigkeit im Bereich des Bewusstseins)… Eine kommunistische Politik hat nicht nur ideologische Aufgaben, sondern auch die praktische Aufgabe, z.B. solche Verkehrsformen im sozialen Leben zu unterstützen und zu fördern, in welchen schon heute in der Wirklichkeit (im Sein) menschliches Verhalten das entmenschte Verhalten überwiegt oder versucht zu überwiegen (auch wenn die Menschen diese Verkehrsformen selbst nicht als kommunistisch bezeichnen). Eine kommunistische Politik kann und darf nicht die Entstehung menschlicher Verhältnisse (gegen die entmenschte Verhältnisse) auf Morgen – nach der Machtergreifung – verschieben und nicht bemerken, was an Menschlichem im wirklichen Leben (im Sein) schon im Werden da ist.

Nicht nur Kritik des Bestehenden, sondern auch reales kommunistisches Verhalten und Schaffen kommunistischer Verhältnisse in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen des Bestehenden gehörte zu Marx Zeiten und gehört auch heute zur kommunistischen Bewegung „als Vorwärtsbewegung der Menschheit”.

Und es ist wichtig den Kommunismus als natürlichen Humanismus, und die Kommunistische Gesellschaft als Menschliche Gesellschaft (nach Marx) zu verstehen und real zu fördern und zu unterstützen. (Und nicht nur von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen und ihren Widersprüchen zu reden).

Bini: Lass uns noch mal zurückgehen. „1939 hatten wir noch Frieden, obgleich in Westeuropa schon der Krieg begann“, schreibst du. Dieser „Frieden“ war durch den Hitler-Stalin-Pakt erkauft. Welche Rolle spielte das Lächeln von Ribbentrop und Stalin, Host-Wessel-Lied am Moskaür Flughafen, der Toast Stalins auf Hitlers Gesundheit usw. für dich und deine Familie und Genossinnen?

Waltraut: Ich als 12 jähriges Mädchen hatte zur Zeit des Hitler-Stalins Packt andere Probleme (war in einen Jungen verliebt, der nicht mehr telefonierte). Bestimmt haben meine Eltern diesen Pakt besprochen, bei uns zu Hause war damals oft Otto Winzer, mit dem Papa Schach spielte. Aber worüber sie sich unterhielten, blieb mir unbekannt, ich durfte nicht zuhören. (Meine Kinder erlebten unsere Diskussionen ohne irgendwelcher Verbote, wir hatten da keine Geheimnisse, ich als Mutter habe das prinzipiell anders gemacht, als meine Eltern mit mir, ich wollte meinen Kindern unnütze Enttäuschungen ersparen und sie ohne Illusionen erziehen).

Bini: Du warst auf einer Schule mit den Kindern Molotows und Stalins – eine Eliteschule. Bevorzugung der Starkinder wurde aber vor allem von den anderen Schülerinnen strikt unterbunden – im Sinne der sozialistischen Werte. Auch im Sinne der sozialistischen Werte scheint es gewesen zu sein, dass sich die „besten Pioniere“ auf Geheimversammlungen trafen und in Eigeninitiative versuchten, darauf zu achten, dass im Unterricht nicht vorgesagt wurde. Das klingt von heute aus wie eine kleine Strebergeheimpolizei. Steht das im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Atmosphäre der Denunziation?

Waltraut: Auf keinen Fall war das mit der Geheimversammlung irgendwie mit einer “Atmosphäre der Denunziation” verbunden. Petzen war in unserer Klasse, wie auch im Kinderkollektiv zu Hause so verpönt, dass niemand den Erwachsene auch irgendwas über „ein Verbrechen“ seines Klassenkameraden erzählt hätte. Wir waren ganz normale Kinder und hielten zu einander. Und das mit der Geheimversammlung war ein Versuch mal ohne die Erwachsenen etwas wirklich Erwachsenes zu tun, was die Erwachsenen von einem Pionier erwarteten (nicht mehr heimlich vorzusagen), und was eigentlich auch richtig wäre (man betrügt doch indem man vorsagt).Wir wollten dass die ganze Klasse geheim mitmacht.

Natürlich war darin auch ein bissen Streberei „ besser zu sein“. Aber unsere Klasse hat zu meinem Glück von Anfang an nicht mitgemacht mit dem, was einer Kindermoral widersprach, und anstatt eines Kampfes für gute Disziplin, begann ein Kampf mit der Geographielehrerin.

Bini: Was hatte die sich zu schulden kommen lassen?

Waltraut: Die Geografielehrerin hatte keine Ahnung über den Umgang mit Schülern im Pubertätsalter, sie schwankte ständig zwischen Wutanfällen gegen uns (dann beschimpfte sie uns mit hässlichen Worten) und zwischen vorgespielter Liebe zu uns (an die wir, wie auch sie selber, nicht glaubten). In unsere Klasse, die auf Gleichberechtigung versessen war, versuchte sie sich Lieblingsschüler zu engagieren, was uns alle heftig empörte und in eine einheitliche Gemeinschaft zum offenen Protest vereinte.

Heute verstehe ich, dass diese Frau nicht schuld daran war, keine pädagogischen Fähigkeiten zu haben. Aber sie sollte nicht als Lehrer arbeiten, denn ihre Unfähigkeit war aggressiv. Und diese Aggressivität wollten wir nicht dulden und haben sie auch nicht geduldet.

Bini: Beeindruckend ist die Gegenüberstellung des Verhältnisses deiner Jugendfreunde zur Nationalitätenfrage [die meiner Meinung nach eigentlich immer eine Nationalitätenantwort ist – Nationalismus in Frage stellen kann immer nur eine antinationale Frage] während deiner Schulzeit und 1990 bei einem Klassentreffen. Während es damals egal war, wurde es später zu einem bestimmenden Identitätsmerkmal. Dennoch beginnt das Gift des Nationalismus in de SU schon sehr früh zu wirken. Luxemburg kritisierte ja bereits Lenin für sein unsinniges „Selbstbestimmungsrecht der Völker“. Und ist es nicht von Bedeutung, dass Stalin eben der Nationalitätenbeauftragte war? Ist nicht bereits schon die Auflistung einer Nationalität zusätzlich zur Staatsbürgerschaft im Pass Teil des Problems? Diesbezüglich finden sich bei Wassili Grossman sehr eindringliche Stellen, in denen er den Bedeutungszuwachs dieser 5. Frage (nach der Nationalität) im Krieg beschreibt, verbunden mit der Angst, hier „Jude“ einzutragen.

Waltraut: Nationale Gefühle spielen auch heute eine große Rolle im Selbstbewusstsein der meisten Menschen der Welt (wie auch Religion, u.a.) und geben den Politiker/innen eine schöne Möglichkeit, darauf zu bauen um entmenschte Interessen in der Praxis zu verwirklichen, unter anderem auch im Faschismus oder durch zwanghafte Übersiedlung einer Reihe Völkergruppen wärend des Stalinismus. Man kann aber dieser Art nationale Gefühle nicht einfach verneinen oder durch ein Gesetz versuchen abzuschaffen. Sie spielten eine große Rolle als Motto auch im Kampf gegen den Faschismus.

Punkt 5 haben wir nicht mehr in unseren Pässen, aber viele trauern ihm heute nach. So ein Widerspruch.

Bini: Diese nationalen „Gefühle“ sind gleichzeitig natürlich nicht spontan, sondern aufwändig hergestellt. Der Historiker Orlando Figes (Tragödie eines Volkes) beschreibt eindringlich und zugleich von heute aus gesehen lustig, dass es für die russischen Bauern im 1. Weltkrieg eine absurde Vorstellung war, für die russische Nation in der Krieg zu ziehen: „Unser Dorf haben die Deutschen doch nicht angegriffen, soll der Zar seine Probleme doch selbst klären.“ Wenn sich der Nationalismus nicht einfach leugnen oder verbieten lässt, hast du eine andere Idee?

Waltraut: Im Moment, wo Kinder zur Welt kommen haben sie überhaupt kein Gefühl ihrer nationalen Angehörigkeit, das sind wirklich anerzogene gesellschaftliche Gefühle, wie auch der Glaube an einen Gott.

Im Prinzip müsste jeder Mensch die Freie Wahl haben sich zu einer Nationalität zu bekennen oder nicht zu bekennen, wie er das Recht hat, an einen Gott zu glauben oder Atheist zu sein. Und niemanden geht das was an. Aber es gab und gibt religiöse Kriege, es gab und gibt nationale Kriege und dementsprechende Politik und ideologische Auseinandersetzungen. Individuell kann man schon frei sein vom Gott und der Nationalität, aber da kommt ein Krieg und du wirst umgesiedelt wegen deines 5 Punktes im Pass: bist Koreaner, Tschetschene, Deutscher in der UdSSR? Also raus mit dir aus deinem Haus, schnellstens in einen Zug und marsch nach Kasachstan und Sibirien. Kann man da gleichgültig gegenüber seiner Nationalangehörigkeit bleiben? So ein Widerspruch existiert heute zwischen individuellem und politischem Leben vieler Menschen.

Bini: Das erstaunliche ist aber zugleich der Widerspruch in Theorie und Politik, da Chauvinismus ja in allen Reden verurteilt wurde (Stalin schafft es sogar gleichzeitig in einer Rede nationalistisch und antinationalistisch zu argumentieren – ohne dass sich jemand wundert, zumindest nicht Dimitroff, der das in seinen Tagebüchern protokolliert). Wann genau begann das Gift des Nationalismus sich in deinem Alltag bemerkbar zu machen?

Waltraut: Antisemitismus war in der SU immer da, wir Kinder wunderten uns warum so ein „Überbleibsel vom Zarismus“ so lange hält. Ganze Völker wurden schon ab 1938 „umgesiedelt“, aber wir Moskauer Schüler wussten davon nichts. Ich und mein Mann erfuhren darüber persönlich mit großem Erstaunen 1949 in Kirgisien, wo ausgesiedelte Koreaner, Tschetschenen, Deutsche u.a. lebten. Unsere Moskauer Verwandten wollten an so was gar nicht glauben, als wir darüber erzählten. „Verleugne die Sowjetmacht nicht!“ schrie mich die Frau des Bruders meines Mannes 1951 an, als ich über diese Völkeraussiedlungen erzählte.

Das erste Mal roch es mir so richtig nach Nationalismus in der Politik, als in der Nachkriegsrede Stalin ein besonderes Wohl auf das russische Volk trank. Wir wussten, dass den Sieg alle Völker der Sovjetunion erkämpft haben, wozu diese Teilung der Sieger nach dem nationalen Kriterium? Was soll das bedeuten? Vielen Student/innen unserer Historischen Fakultät gefiel dieses “Wohl an das russische Volk” nicht, andere fanden es normal und richtig. Es gab harte Diskussionen in unserem Freundeskreis. (Über die Aussiedlung ganzer Völker wussten wir noch nichts).

Bini! Das sind alles riesengroße Fragen, wie so eine Manipulation mit der Gedankenwelt der Menschen damals zustande kommen konnte und auch heute mit neuen psychologischen Methoden und Möglichkeiten weltweit weiter getrieben wird.

Bini: Der Punkt des Antisemitismus interessiert mich noch weiter. Im Zarismus wurde er von Regierung und Polizei eingesetzt, um konterrevolutionäre Stimmungen zu schüren, die meisten Bolschewiki und anderen Linken bekämpften ihn. Aber es gibt auch in der Partei Ressentiments gegen jüdische Intellektuelle und Kosmopoliten wie Trotzki. Spätestens nach 45, besonders 52 mit der Ärzteverschwörung, aber auch mit den Schauprozessen in den Warschauer-Pakt-Staaten und dem offiziellen Antizionismus wird er staatliche und parteiliche Politik. Hast du Erinnerungen daran, wie sich Antisemitismus öffentlich und privat äußerte und wie er sich mit den Jahren veränderte?

Waltraut: Bini! Meine beste Schulfreundin Elga ist eine Jüdin, aber wie ich oben schon sagte, war uns die Nationalität voneinander ganz egal. Antisemiten, (eher antisemitische Äußerungen im Alltag) waren für uns als Kinder doofe Leute, die an was Doofes glauben und unserer Aufmerksamkeit nicht wert waren. Daran, dass in der Sowjetunion der Antisemitismus bekämpft wird, glaubten wir heilig. Ich war zweimal verheiratet, und jedes Mal war mein Mann Jude. Beide glaubten nicht am einen vom sowjetischen Staat durchgeführten Antisemitismus, sie meinten, dass so ein Überbleibsel vom Zarismus einfach nicht so leicht aus den Köpfen mancher Menschen verschwinden kann. Das war damals auch meine Position. Die jüdischen Freunde, die dies anders sahen und seelisch litten, versuchten wir von der Richtigkeit unserer Auffassung sogar zu überzeugen, was uns, natürlich, nicht gelang. Deswegen zankten wir uns aber nicht, jeder hatte das Recht auf seine Meinung.

Heute weiß ich mehr als damals ( Wichtig: wir lebten und arbeiteten 40 jahre lang in Kirgisien und da, im Unterschied zu Moskau, gab es nationale Probleme bei und mit den Kirgisen, aber keinen Alltagsantisemitismus und wir konnten an unseren Illusionen weiter glauben).

Bini: Warum wolltest (und/oder willst) du keine Deutsche sein?

Waltraut: Als Kind war es mir schnurz egal, wer ich der Nationalität nach war. Ich wusste, dass ich eine Deutsche bin, machte mir aber nichts daraus. Auch die Nationalität meiner Freunde war mir ganz egal. Aber unsere Familie war auch noch staatenlos, und da erklärte mir, einer 13 Jährigen, meine Mutter eines schönen Tages, dass ich in den Komsomol erst mit 16 Jahren aufgenommen werden kann, wenn ich meinen Pass bekomme. Alle können das mit 15, ich ein Jahr später!? So ne Schweinerei und nur darum, weil ich ne Deutsche bin? (das mit der Staatsbürgerschaft hatte ich nicht ganz kapiert). Und darum schrieb ich in mein Tagebuch ganz empört, dass ich in den Komsomol will ‚“und gar nicht eine Deutsche sein will”

Später, als während des Krieges so oft ein Hass gegen Deutsche aufkam, habe ich aus Gerechtigkeitsgefühl und Trotz mich immer überall als Deutsche genannt und 1943 in den 5 Punkt im Pass „Deutsche“ eingetragen.

Bini: Meinst du, es war wirklich ungerecht, nicht nur Hitler und die NSDAP, sondern auch die Bevölkerung zu hassen, die diese zuweilen passiv, aber auch oft begeistert unterstützten? Wie entwickelte sich dein Verhältnis zum „deutschen“ nach 45 und nach 1990?

Waltraut: Bini! Ich finde, und habe es immer empfunden, dass es ungerecht ist ein ganzes Volk zu hassen und habe während des Krieges gegen solchen Hass zB den Deutschen gegenüber immer gekämpft. Und nicht nur ich, sondern alle meine Freunde, die so eine Hasskampange nie unterstützten. Aber die Politiker/innen verstehen es bis heute sehr gut, das Bewusstsein der Menschen zu manipulieren und Hassgefühle auf nationaler Ebene zu fordern und Menschen heute gegen Tschetschenen, Jahrhunderte lang gegen Juden, im Krieg gegen Deutsche, in Deutschland gegen Türken zu stimulieren und sogar zu „mobilisieren“ . Haben wir es schon gelernt, diesen Manipulationen zu widerstehen? Ist ja auch immer noch eine Aufgabe der kommunistischen Politik.

Du stellst dabei die Frage nach einer Schuld „der Deutschen Bevölkerung“.

Ich stelle eine Gegenfrage: Ist ein Mensch (oder die Bevölkerung) schuld, wenn sie einer politischen Manipulation nicht zu widerstehen verstanden?

Dazu die Entwicklung meines Verhältnisses zum „deutschen“ 1945.

1946 war ich, eine 19 Jährige Studentin der Moskauer UNI, zu Besuch bei meinen Eltern in Berlin. Ich kam mit der Einstellung an, dass die Deutschen eine riesengroße Schuld haben, weil sie Hitler duldeten und den Krieg zugelassen haben (sie mussten, nach meinen damaligen Vorstellungen, gegen Hitler eine Revolution machen!) Diese Reise und meine seelische Wendungen habe ich russisch schon beschrieben und die Erzählung ist in Internet Шелике Вальтраут Берлинские каникулы zu finden. Kurz: ich habe in Berlin 1946 verstanden, dass die „einfachen Deutschen“ (die Bevölkerung) in Deutschland am Krieg sehr gelitten hatten und es den Menschen gar nicht einfach war zu verstehen was eigentlich los war und überhaupt eine Revolution zu machen (meine eigenen Vorstellungen über das Leben in Deutschland und über die Möglichkeiten einer Revolution gegen die Hitlermacht waren einfach primitiv). Ab dann beschuldigte ich die einfachen Deutschen (die Bevölkerung) nicht mehr, ich wollte aber verstehen, was zu machen ist, damit so eine faschistische Pest nie mehr, in keinem Land, zur Macht kommen kann und in das Bewusstsein der Menschen faschistische Bazillen reinstecken kann.. Und ich wusste jetzt, dass die Antwort nicht leicht zu finden sein wird.

Ich glaube wir haben die Antwort auch heute noch nicht gefunden.

Danach war ich noch viele Male in der DDR und 1988, 1999 in der BRD und habe viele, ganz verschiedene Deutsche kennen gelernt und als Freunde gefunden. Was sollte sich da nach 1990 in mir noch ändern?

Bini: Waltraut! (Ich muss das jetzt auch mal so schreiben Ich lebe ja in diesem Land und ich kenne die Geschichten der „einfachen Deutschen“ darüber, wie sehr sie am Krieg gelitten haben, mehr als zu Genüge! Meine Großmutter hat mir erzählt, welche Angst sie vor „dem Russen“ hatte – kurz darauf hat sie sich kaputt gelacht über diese Barbaren, die noch nicht mal Fahrrad fahren konnten. Ich habe zu ihr gesagt, dass sich die Deutschen in Russland ja auch nicht besonders nett aufgeführt hätten (es gab ja einen Grund, warum die Rote Armee nach Deutschlad gekommen war). Daraufhin sagte sie: ja, die deutschen Kriegsgefangenen in Russland hatten es auch nicht leicht! – Allein die Möglichkeit, sich das Leiden der sowjetischen Bevölkerung vorzustellen, war vollkommen außerhalb ihres Horinzonts. Die Deutschen jammern gerne über die wenige Butter, die sie zu Kriegsende hatten. Aber ökonomisch ging des ihnen wegen ihrer effektiven Raubkrige und nicht zuletzt aufgrund der Zwangsarbeit sehr gut im Verhältnis zu den Menschen der angegriffen Länder. Und ihre Erfahrungen mit der Roten Armee können nur deshalb als schrecklich erscheinen weil der deutsche Vernichtungskrieg entweder totgeschwiegen wird oder als Heldengeschichte erzählt (mein Großvater, der von mir verlangte, Deutschland solle mein Lieblingsland sein, erzählte mir bei jedem Besuch die gleichen Soldaten-Abenteuer-Geschichten). Und was die Manipulation und den Zwang angeht: Meine Großmutter meinte am Ende des Gespräches, sie wisse schon, ich würde ihr eine Schuld geben, aber sie habe in einer Diktatur gelebt, da hätte sie nichts machen können. Dann, habe ich zu ihr gesagt, warst du wohl sehr froh am 8.Mai 1945? Und sie hat geantwortet: Nein, wieso, da haben wir doch den Krieg verloren! Das war das letzte Gespräch, was ich je mit ihr geführt habe.

Waltraut: Bini! Das mit Schuld und Nichtschuld ist eine sehr große Frage, die heute einen politischen Untergrund hat – das stört dabei, das Problem ohne Emotionen zu lösen. Einige Gedanken dazu:

1) Zu Anfang des Krieges hatte nicht in Deutschland, nicht in Russland das Volk die Macht. Ob es Krieg gibt oder nicht bestimmten nicht die einfachen Deutschen und auch nicht die einfachen Russen (besser: nicht alle Völker der UdSSR). Der Krieg war das Ergebnis der politischen Tätigkeit der Machthabenden, wie in Deutschland so auch in der UdSSR (ist für den Moment nicht wichtig, wer den Krieg angefangen hat). Und da ist es den Politiker/innen heute natürlich wichtig ein Volk als mitschuldig (oder einfach schuldig) darzustellen um von ihrer Verantwortung abzulenken.

Eine Manipulation, die prima funktioniert.

2) Heute wird mit allen Mitteln das Postulat verbreitet, das jeder Mensch verantwortlich ist für alles das, was heute in der Welt passiert (besonders amerikanische Filme zeigen uns solche echten Retter der Menschheit). Sieht natürlich sehr menschlich und progressiv aus, ist aber der reinste Unsinn.

Wieder eine Manipulation.

In der Wirklichkeit können die meisten Menschen wirklich nichts tun, aber sie retten die Menschheit dadurch, dass sie sich an die fürchterlichen Situationen anpassen und sich und ihren Kindern das Leben retten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Kämpfer/innen (15 % der Menschen) gegen das Fürchterliche geben im Kampf ihr Leben und zeugen keine Kinder.

Die heutige Gesellschaft braucht diese und jene, mit ihren verschiedenen Funktionen. Ist für jeden Menschen eine Wahl, die seinem Wesen entspricht. Du hättest dich ohne weiteres mit deiner Oma weiter unterhalten können, sie hat sich so an den Faschismus angepasst, dass sie den Schmerz vom Kriege nur von einer Seite sah (oder sehen wollte) und auch noch patriotisch sein wollte (den Krieg gewinnen). Sie konnte nicht so denken wie du, ist aber verständlich. Einseitig zu denken ist einfacher.

3) Jeder Psychologe wird sagen, dass man mit dem Erwecken der Schuldgefühle nicht im Geringsten eine Veränderung des Verhaltens und Denkens eines Menschen erreichen kann. Eher Aggressivität und Ablehnung. Sowas wie „ich bin schuld“ muss im Menschen von selbst kommen und verarbeitet werden. Und da weiß ich nicht wie die heutigen Deutschen, besonders die Generationen, die nichts mit dem Krieg zu tun haben, mit dieser „nationalen Schuld“ umgehen und fertig werden.

4) Außerdem kenne ich aus Russland die Tendenz in der Vergangenheit zu kramen um von den Widersprüchen der Gegenwart abzulenken. Auch eine Manipulation, die prima funktioniert.

Bini: Hier haben wir offenkundig einen Dissenz. Meine Großmutter hatte über 50 Jahre Zeit, sich mit dem Nationalsozialismus und ihrer Rolle darin kritisch auseinanderzusetzen – ohne diese Zeit zu nutzen. Lieber ist sie offen rassistisch über die Nachbarinnen aus Polen hergezogen, und zwar ganz ohne Diktatur und faschistische Manipulation, wie du es nennst, also ohne Anpassungsdruck.

Waltraut: Bini! Geht vielen Russen genau so. Es ist vielen Menschen der verschiedensten Nationalitäten sehr bequem und am Einfachsten alle Schwierigkeiten im Land oder im eigenem Leben ‚Nichtdeutschen“ „Nichtrussen“ „Nichtmuslimen“ usw. in die Schuhe zu schieben. Da ist Deine Oma keine Ausnahme. Und das ist heute ein Weltproblem: wie mit solchen Denkweisen umgehen und es doch schaffen diese Einstellungen aus der Massenpsychologie wegzuschaffen. 40 Jahre lang habe ich mich in Kirgisien darum bemüht und da erschlagen heute kirgisische und usbekische Männer einander in Osch, wo ich 10 Jahre lang Völkerfreudschaft unterrichtet hatte und Kirgisen und Usbeken nebeneinander die Studentenbank drückten und auf der Bühne unter meiner Regie zusammen Theater spielten.

Bini: Während des Deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieges warst du außerhalb von Moskau im Internat. Die Zeit war für dich auch deswegen so wichtig, weil du die Widersprüche zwischen der Realität und der offiziellen Propaganda bemerktest. Wie gingst du mit diesen Widersprüchen um?

Waltraut: Ich war, natürlich, verwundert, vielleicht sogar schockiert als ich entdeckte, dass die Kolchosbauer/äuerinnen gar nicht zu den Feldern eilten, wo nicht sie, sondern nur wir Internats-Kinder Kartoffeln aus der erfrorenen Erde ausbuddelten um die Ernte zu retten oder als ich erfuhr, dass die Dorfschüler/innen meiner Klasse nie im Leben solche Bonbons gesehen hatten, die in Moskau in jeder Konditorei zu kaufen waren. Warum stand über so einen Unterschied des Lebens nichts in den Zeitungen? Ich hatte als Moskauer Schülerin viele Illusionen, die Dorfkinder, natürlich, nicht hatten, das Leben war anders als ich es mir vorstellte, ich quälte mich, dachte aber anderseits, dass ich mit 14-15 Jahren noch nicht alles verstehen kann, aber wusste auch, dass ich mit meinen Fragen nicht an jeden heranrücken darf. Also muss ich warten, bis ich wieder in Moskau bin. Nachher in Moskau im letzten Schuljahr quälte mich die Frage, ob wir eigentlich wirklich Sozialismus haben.

Ich ging auf die Historische Fakultät der Uni um zu verstehen warum in Deutschland der Faschismus siegte, wollte aber auch verstehen was bei uns in der SU los ist. Ich habe viel nachgedacht, in der Uni viel gelesen, und meine Probleme mit meinem künftigen Mann und meinen Freunden diskutiert. Mein Mann war älter, kam verwundet von der Front und wusste vom Leben viel mehr als ich, hatte auch schon viel Lenin und Marx gelesen … Wir hatten auch einen wunderbaren Leiter unserer Seminare für Marxismus, der verlangte, dass wir uns in den Parteidiskussionen innig zurechtfinden.

Als ich dann 1946 nach Berlin kam und von jungen deutschen Kommunisten auf einer Konferenz Fragen bekamen, entdeckte ich auf einmal, dass ich diese Fragen leicht beantworten kann. In meinem Kopf war auf einmal eine lang erwünschte Klarheit entstanden. Ich sagte mir: wir bauen eine neue sozialistische Gesellschaftsordnung und das kann nicht schnell und einfach sein. So waren meine Zweifel im nu „erledigt“. Heute muss ich sagen, sie waren von mir verdrängt. Ich wollte an den Sozialismus in der SU glauben und habe die erste Möglichkeit zu glauben sofort benutzt.

Bini: Ja. Ein anderer Widerspruch, der in dieser Zeit auftaucht, ist der zwischen Disziplin, Lernen, Pflicht auf der einen Seite und Sexualität, Liebe, Freundschaft auf der anderen Seite. Mir scheint, dass die strikte Sexualmoral dieser Zeit in der SU in einem engen Zusammenhang zur Arbeitsmoral steht, zur immensen Bedeutung, die der Disziplin, der Selbstbeherrschung, der Arbeit zugemessen wurde. Schließlich ist die große Sorge der Mutter vor allem, dass die Freundschaftsgefühle auf Kosten der Lernfähigkeit gehen könnten. Vielleicht auch eine Frage der Produktivkraftentwicklung, nicht wahr? Aber eben auch der Produktionsverhältnisse (und ihrer Diskurse)?

Waltraut: Bini! In dieser Richtung habe ich an die Einstellung zur Sexualität in der SU nicht nachgedacht. Und meine Mutter erzog mich in Richtung „Erst Mensch, dann Frau“ bestimmt nicht mit dem Ziel meine Produktivkraft zu steigern. Mama war fast besessen mit der Idee der Gleichberechtigung der Frauen (und ihrer Tochter) und das war ihr Motto. Sie wollte, dass ich mich von keinem Jungen aus Liebe zu ihm „unterkriegen lasse“ und aus Liebeskummer, den ich damals hatte, das Lernen (meine Weiterentwicklung, kann man auch Produktivkraft nennen, wenn Du willst) vernachlässige. Mama verstand unter Gleichberechtigung, dass eine Frau alles kann und darf wie ein Mann, weil eine Frau genau so klug, stark usw. ist wie ein Mann, da gibt es überhaupt keinen Unterschied. Aber viele Männer – so nach Mama– wollen die Frau nur als Spielzeug benutzen und sehen in ihr keinen selbsbewussten Menschen usw. Mamas Gleichberechtigung betraf bei uns in der Familie auch den Haushalt.

Bini: Die Losung deiner Mutter findet sich fast wortgleich bei Alexandra Kollontai, auch sie beschrieb, dass Liebesbeziehungen zwischen Männern und Fraün oft darin endeten, dass der Mann die Frau zu seinem Spiegel mache, dass er von ihrer Abhängigkeit zu ihm profitiere, um sich seine Unabhängigkeit zu erhalten. Alexandra Kollontai wünschte sich eine Zukunft, in der die Liebe im Leben von Frauen einen kleineren Anteil hätte – aber die Arbeit (und zwar nicht die Haushaltsarbeit) dafür einen größeren. Kurz gesagt, dass Frauen ein bisschen mehr wie Männer würden (die ja bekanntlich mehr an Arbeit und Disziplin als an Liebe und anderen Gefühlen orientiert sind). Für eine sozialistische Emanzipation wäre doch aber auch das Gegenteil denkbar (gewesen) – mehr „Weiblichkeit“. Das heißt weniger Arbeit, mehr Liebe J

Waltraut: Bini! Mit deiner Frage hast Du 100% recht! Ich bin überhaupt der Ansicht, das gerade in einer Menschlichen Gesellschaft (Kommunismus) die Menschen sich endlich so richtig mit ihren Verhälnissen (Verhalten) zueinander (Liebe, Freundschaft, Verstehen, Solidarität usw) beschäftigen werden und können, als heute, wo die Arbeit so viel Zeit und Kraft kostet und die Gesellschaft ganz andere Gefühle und Einstellungen der Menschen zueinander erzeugt und unterstützt. Und da haben schon heute die Wissenschaften über menschliches Verhalten, besonders Psychologie, eine große Aufgabe zu lösen.

Und eine sozialistische Politik müsste heute psychologische Aufklärungszirkel organisieren und unterstützen, auch damit die Menschen verstehen, wie man sie manipuliert (im Alltag Mann und Frau miteinander, im Staat die Politiker mit der Bevölkerung usw.).

Apropo. 1997 ist mein Buch erschienen “ Что такое любовь?” “Was ist Liebe?” im dem es auch ein Kapitel gibt “ Die Liebe als ein menschliches Verhältnis zur Welt”, aber alles über Liebe zwischen Mann und Frau, und in Russisch.

Bini: Damit im Zusammenhang steht der Widerspruch zwischen menschlicher und geschlechtlicher Emanzipation. Die Tagebucheinträge und Briefe der 15 und 16jährigen Trautchen schildern sehr eindrücklich, dass Mensch sein und Frau sein als ein Widerspruch fungiert. Die Formulierung „Erst Mensch, dann Frau“ taucht immer wieder auf, während sich die Formulierung „erst Mensch, dann Mann“ bezeichnenderweise gar nicht findet. Ein Indiz dafür, dass Emanzipation in der SU androzentrisch, vom Männlichen her, konzipiert wurde?

Waltraut: Ich glaube nicht, dass meine Mutter alle ihre Emanzipationsideen in der SU aufgeschnappt hatte, und ihre persönlichen Einstellungen über den Stand dieses Problems in der SU bezeichnen zu können. Mama kam mit diesen Ideen aus Deutschland in die SU, schon dort war sie unter den Wandervögeln und in der KPD, sie las Bebel usw. Auf jeden Fall waren meine Ansichten (genau nach Mama) unter meinen Schulkameraden immer die aller radikalsten, wurden angehört, aber nicht angenommen und nicht geteilt.

Bini: Ja, du hast Recht. Kollontai z.B. war ja auch sehr von Clara Zetkin (oder auch Ruth Fischer) beeinflusst. Also kein SU-spezifisches sondern ein allgemein (international) sozialistisches Problem. Was hatten den die Schulkameraden für Ansichten?

Waltraut: Ich behauptete ständig, dass Männer im Haushalt genau so viel machen müssen wie die Frau, dass es zu Hause keine Männer- und Frauenarbeit gibt (oder geben kann). Und überhaupt hängt der Unterschied zwischen Jungens und Mädels nur von der entsprechenden, verschiedenen (falschen!!!) Erziehung ab. In den Familien meiner Mitschüler/innen war das gar nicht so wie ich das prophezeite und sie widersprachen mir. Ich behaupte, dass mein Mann in meiner künftigen Familie Geschirr abwaschen wird (“ Einen anderen heirate ich nicht!!!), die Jungs grinsten als Antwort. Ich war so eine richtige maximalistische Feministin.

Bini: Stutzig macht mich, dass die Liebe scheinbar ausschließlich zwischen Jungen und Mädchen stattfindet – so dass eine geschlechtliche Trennung die Liebe zu unterbinden können scheint. Aus der historischen Forschung zu Internaten wissen wir aber, dass diese geschlechtliche Trennung mitnichten die Sexualität eindämmen konnte, sondern das Gegenteil der Fall war. Wie steht es also um die Liebe zwischen Mädchen (Elga?) und die Liebe zwischen Jungen, über die wir in den Memoiren leider so wenig erfahren?

Waltraut: Elga, Lena und ich haben einmal als 13 Jährige ein verstecktes altes russisches medizinisches Buch über sexuelle Perversionen im Bücherregal bei Elgas Vater, der Psychiater war, entdeckt und, natürlich, heimlich sofort gelesen. So wussten wir auf einmal „alles“. Unsere Reaktion? Überhaupt kein Schock, Verwunderung, dass auch so was vorkommt, hat aber alles mit uns nichts zu tun. Wir sind keine Sadisten, keine Masochisten, keine Homosexuellen, kennen auch keine. Abgemacht!

In der Dorfschule während des Krieges hat sich in mich ein Mädchen (das ich nicht kannte) aus der oberen Klasse verliebt, was sie mir eines Tages dann auch gestand auf unserem gemeinsamen Heimweg. Im ersten Moment bekam ich (15 Jahre alt) einen riesigen Schreck: da sagt mir auf einmal ein ganz unbekanntes Mädchen, dass es Marianne heißt und mich liebt und all das noch dazu mit einer ganz tragischen Stimme, gibt’s denn so was? Und was soll ich da tun und was passiert nun weiter? Aber da erinnerte ich mich an das geheime Buch, da stand ja über so was, dass es solche Menschen gibt, die sich in Menschen ihres eigenen Geschlechts verlieben und das ist angeboren. Also klar! Ich sagte dem Mädchen, dass ich in einen Jungen verliebt bin und mein Herz besetzt ist und damit ist nichts zu machen. Sie sagte „Danke“ und kehrte um. Manchmal sah ich sie dann in der Schule, aber sie kam nie mehr in meine Nähe. Ich erzählte darüber niemandem, spürte instinktiv, dass es nicht mein, sondern ihr Geheimnis ist. Sie tat mir leid, aber mit ihr mich irgendwie zu unterhalten wollte ich nicht. In unserem Internat kannte ich diese Art Probleme nicht, auch nicht in unserer getrennten Schule (wir waren ja nur das erste Jahr getrennt).

Mit Elga war das eine Freundschaft, wir beide verliebten uns in Jungs und erzählten einander über unsere Verliebtheiten. Wir hatten sogar kein Bedürfnis (Gewohnheit? Tradition?) einander beim Treffen einen Kuss zu schenken, dafür lachten wir gerne zusammen so wie ich mit niemanden anderem lachen konnte (vielleicht noch mit meiner Mutter als zwei alte, verrückte Frauen in der Mitte einer Berliner Straße als wir was Ulkiges sahen).

Bini: Dies führt zu der Frage: wie sehr war der Bereich der Familie, Liebe, des Körpers, der Sexualität, kurz das Persönliche und der Alltag in der Sowjetunion der 30er und 40er Jahre eigentlich von der Politik der Revolution durchdrungen und wie stark wurde er von alten (bürgerlichen) Traditionen geprägt? Es gab ja eine bewusste auch stalinistische Politik, die die Veränderungen des Alltags, der Sexualität usw., die zur Zeit der Revolution, der Avantgarde vorgenommen wurden, wieder zurückdrehte. Inwieweit war das spürbar? (Etwa an der 1942 eingeführten geschlechtlichen Trennung des Schulunterrichts – oder an der Gegenüberstellung der Wandervogelbewegung, deren weibliche Mitglieder Kurzhaarfrisuren hatten und der streng geschlechtlich getrennten Haarmode der 40er in der SU – Du beschreibst ja, wie schlimm für die „Mädchen“ der 40er die Vorstellung war, aufgrund von Läusen die Haare geschoren zu bekommen, während bei den kleinen Kindern (oder in den 30ern) noch kein Unterscheid gemacht wurde)? Waren die Ideen und Utopien von Tschernyschewski und Kollontai (freie Liebe usw.), welche die Komsomolzen der 20er Jahre so umgetrieben hatten, aus deiner Jugend verschwunden?

Waltraut: Bini! Wieder ein Haufen Fragen. Ich bin im „Lux“ aufgewachsen. Da herrschten andere Prinzipien und Vorstellungen über Liebe und Familie, als die, die Stalin offiziell durch die Gesetze 1944 einzuführen versuchte und die uns empörten. Kollontai war in unseren Student/innenkreisen sehr beliebt und geachtet (aber nicht im Sinne der künftigen sexuellen Revolution, so weit gingen wir nicht). Tschernischewskis Postulat „Kein Kuss ohne Liebe“ war unsere Maxime (und hat mir persönlich bestimmt manches im Leben versaut) und unser ganzes Leben lang hatten ich und mein Mann Probleme mit der offiziellen Parteimoral (darüber habe ich russisch viel in meinen Erinnerungen schon geschrieben, ist noch nicht veröffentlicht). Im Bereich Familie, Liebe, Sexualität gab es in der SU, natürlich, eine offizielle Moral, die jede Parteigruppe durchsetzte. Aber die Menschen haben sich so benommen und verhalten, wie es jedem am nähsten war (sich in Fragen der Liebe oder Sexualität der Parteimoral fügen oder nicht fügen, mit der Gefahr aus der Partei ausgeschlossen zu werden).

Ist ein riesengroßes Thema was eine Partei (oder Kirche) mit den Menschen in ihrem sexuellen Leben machen kann und was sie dabei doch nicht machen kann.

Bini: Das ist alles sehr spannend was du erzählst. Im Lux wurde sich den stalinistischen Vorstellungen über Liebe, Familie usw. entzogen? Wie das? Gab es offene Kritik? Wurde einfach weiterhin anders gelebt/geliebt?

Waltraut: Offiziell galt es in der SU, dass sich liebende Mann und Frau offiziell als Familie beim Staat registrieren sollen und müssen, und moralisch ist es demnach, einen einzigen Mann (Frau) das ganze Leben lang bis zum Tode zu lieben. Alles andere ist ein Fehlschritt gegenüber der offiziellen Moral. Ein Parteimitglied wurde in der SU von seiner Parteiorganisation ausgefragt und fast immer schwer verurteilt wenn er sich scheiden wollte.

All das galt im “Lux”nicht. Ich weiß nicht, ob es offene Kritik gab, aber Liebesverhältnisse galten als eine sehr persönliche Angelegenheit, in die sich niemand einmischen darf. Das war der Standpunkt meiner Eltern, den ich dann mein ganzes Leben lang verteidigte und durchsetzte … Viele Kommunist/innen lebten im “Lux” zusammen ohne offizielle Eheschließung, was als vollkommen normal galt,(und ich selber lebte mit meinem ersten Mann im “Lux” ein paar Jahre zusammen, ohne mit ihm offiziell registriert zu sein). In unserer Familie seitens Mama oder Papa wurde nie über Liebesverhältnisse unsere Bekannten geklatscht, auch meine Beziehungen mit meinem Mann waren für Mama nicht ihr Thema. Die Verantwortung trug ich selber, Mama schenkte mir Vertrauen und Unterstützung, wenn ich sie brauchen werde, alles andere ist meine Sache. In meiner Elternfamilie wurde auch niemand wegen Liebesverhältnissen verurteilt, es hieß , dass jeder Mensch das Recht hat auf sein persönliches Leben und man muss andere einfach verstehen, wenn sie im persönlichen Leben sich anders benehmen als man selbst es tut und für sich richtig findet.

Ähnliche Einstellungen kamen in der SU manchmal in der schöngeistigen Literatur ans Licht, Liebe wurde in Romanen verteidigt und geachtet, es war ein nicht offener Kampf in der Gesellschaft um die Kraft und das Recht der Liebe. Scheidungen waren nicht verboten, aber parteilich verurteilt.

Bini: Was meinst du mit der Aussagen, ihr wärt nicht so weit gegangen, Kollontais Texte als Beschreibung einer zukünftige sexuellen Revolution anzusehen?

Waltraut: Wir waren für Freiheit in der Liebe, aber gegen die Freiheit im Sex. “Liebe mit Sex - Ja. Sex ohne Liebe -  Nein” war unser Motto.

актуализировано 11. Dezember 2010