FÜR EINE MENSCHLICHE GESELLSCHAFT! DER MARXISMUS – IRRLICHT ODER GANZHEITLICHE THEORIE? | Вальтраут Шелике

 Другие мои страницы...

FÜR EINE MENSCHLICHE GESELLSCHAFT! DER MARXISMUS – IRRLICHT ODER GANZHEITLICHE THEORIE?

Dr. Waltraut Schälike (Moskau)
Aus dem Russischen übersetzt und
bearbeitet von Dr. Karl Harms und Frank Preiß

Die Prozesse, die heute die Menschheit mit voller Wucht und in globalem Ausmass erfassen, und die in einer Welt verlaufen, die so widersprüchlich wie noch nie ist, werfen eine Unzahl von kom-plexen Problemen auf, von deren Lösung nicht nur partielle Elemente der Lebensweise berührt wer-den. Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass die Existenz der Menschheit im Ganzen davon ab-hängt, wie diese auf die neuen. aktuellen Herausforderungen reagiert

Daher ist es unverzüglich und vordringlich notwendig, diese weltumfassenden Widersprüche einer theoretischen allseitigen Analyse zu unterziehen. Parallel muss die Suche nach praktischen Schritten zur humanen Lösung der anstehenden brennenden Fragen einen zentralen Platz einnehmen. Diese umfassende Aufgabenstellung erfordert neben folgerichtigem und methodologisch fundiertem Den-ken in der Theorie ein zielorientiertes Handeln in der Praxis.

Hier entsteht zwangsläufig die Frage, ob die Menschheit über solch ein Erkenntnisinstrumentarium verfügt. Dieses ist ja nur dann geeignet, die gestellten Aufgaben zu bewältigen, wenn es in seinen praktischen Auswirkungen nicht dazu führt, dass das Ziel in einen generellen Widerspruch zum Er-gebnis und die Theorie zum Widerspruch mit der Praxis führt.
Viele Revolutionäre des 20. Jahrhunderts waren davon überzeugt, dass sie im Marxismus dieses In-strumentarium gefunden hatten. Die Niederlage der ersten sozialistischen Revolutionen, die nach Auffassung von A.W. Busgalin einen “mutierten Sozialismus” hervorbrachten, erschütterte indes auch unter den Linken die Ansicht, dass der Marxismus ein universelles und probates Allheilmittel für die Lösung der Menschheitsprobleme sei.  (Buzgalin,A.V.: “Renessans socialisma”. Moskva. Verlag URss 2003. S.378-385)
Gegenwärtig beobachten wir weltweit einen erneuten geistigen Ansturm, der zunächst darauf gerich-tet ist, jenseits der vorherrschenden Auffassungen, neue Ansätze zum Erkennen und Verstehen der scheinbar immer unentwirrbarer werdenden Welt zu finden.
Gleichzeit ist unübersehbar, dass immer mehr Menschen in den verschiedenen Regionen unseres Erdballs die Welt nicht nur verstehen, sondern auch verändern wollen. Sie machen sich daran, diese Welt entsprechend ihrer spezifischen Vorstellungen und Interessen, ihrer klassenmässigen, ökologischen, religiösen, nationalen, feministischen, patriarchalischen, optimistischen, pessimistischen, phi-losophischen, alltäglichen, idealistischen, materialistischen usw. Ideen und Intentionen, neu zu formen.

Im gegenwärtigen Chaos der Ideen und Theorien nimmt der Marxismus weiterhin einen wichtigen, wenn auch keinen dominierenden, Platz ein. Er tritt uns dabei in Form verschiedener Strömungen, einschliesslich seiner dogmatischen Auslegung gegenüber. Gerade die dogmatische Form des Marxismus wird, nicht zuletzt in den ehemaligen Ländern des “realen Sozialismus”, als vermeintlich ori-ginäre Form wahrgenommen.
Die Kritik des “dogmatischen Marxismus” ist so notwendig wie richtig, weil diese Strömung mit solchen Begriffen wie Natur und Gesellschaft, Basis und Überbau, Widerspruch zwischen Produkti-onsmitteln und Produktionsverhältnissen als Ursache von Revolutionen usw. jongliert und den Men-schen dabei einfach “vergisst”, ihn in den Hintergrund treten lässt. In diesem “Marxismus” ist kein Platz für die Individuen mit all ihren vielschichtigen Leidenschaften, Zielen und Wünschen. Es gibt nur Klassen; und zwischen den Klassen herrscht Klassenkampf.
Wie lange wird es wohl noch dauern, bis diese enge Vorstellung vom Marxismus aus den Köpfen verschwindet?

”Können wir überhaupt von einer Philosophie des Marxismus sprechen?” Die Frage nach der Exis-tenz einer marxistischen ökonomischen Theorie des Kapitalismus, lässt sich kaum verneinen. Sie wurde, dass wird wohl keiner bestreiten, von Marx geschaffen und gibt uns auch heute noch vieles, selbst für die Kritik des modernen Kapitalismus.
Was hat es aber mit der marxistischen Philosophie auf sich? Ist eine Philosophie überhaupt geeignet und fähig, die Ursachen und das Wesen der in der Welt scheinbar chaotisch vor sich gehenden wi-derspruchsvollen Prozesse zu erklären?
Handelt es sich hier doch um Abläufe und Zusammenhänge, die den Menschen seit ewig quälen, ihm undurchsichtig erscheinen und bis auf den heutigen Tag “sein Leben verderben”.
Wurde eine derartig anspruchsvolle, komplexe Theorie von Marx und Engels damals, im so weit zu-rückliegenden 19. Jahrhundert, überhaupt erarbeitet?

Diese Frage beschäftigte auch Rosa Luxemburg, und sie antwortete darauf mit einem ‚Nein’. Marx und Engels hätten nur einzelne geniale Gedanken geäussert, die schematisch fixiert wurden, jedoch nicht bis zu einer abgeschlossene Theorie weitergeführt wurden.
Diesen Gedanken von Rosa Luxenburg erwähnte kürzlich z.B. auch Robert Steigerwald in einem Beitrag zur Methodologie des Marxismus. (”Dialiktisch, Praktisch, Gut”. Tageszeitung “Junge Welt” v.02.11.2005. S.10.)
Hatte Rosa Luxemburg damit aber wirklich recht? Haben die Marxisten der ganzen Welt ein Jahrhundert lang in der Illusion gelebt, Marx und Engels hätten die Theorie über die tatsächlich wirkenden Gesetze der Entwicklung der Menschheit und die realen Perspektiven zur Überwindung der antagonistischen Widersprüche entdeckt?
Die Frage muss man sowohl mit Ja als auch mit Nein beantworten. Einerseits bin ich der Auffassung, dass Karl Marx bis heute als einer der seltenen Gelehrten gelten kann, dem es gelungen ist, eine, das Ganze erfassende, systemorientierte Erkenntnistheorie der praktischen Entwicklungsprozesse der Menschheit zu schaffen. Diese besitzt auch ein entsprechendes System folgerichtiger Kategorien.

Andererseits haben Karl Marx und Friedrich Engels ihren Nachkommen jedoch in der Tat keine Schrift, keinen Aufsatz und kein Buch - etwa mit dem Titel “Philosophie des Marxismus” - hinterlassen, in dem sie den kommenden Generationen ihre philosophische Logik säuberlich systematisiert und schön geordnet hinterlassen hätten.
Es existieren aber genug veröffentlichte Handschriften, die den damals noch jungen Gelehrten sozusagen als “Laboratorium” für ihr Suchen und das Fixieren ihrer Erkenntnisse dienten. Das gibt uns heute die Möglichkeit, ihr Herangehen zu analysieren, ihre Theorie gewissermassen zu defragmentieren, in ihrer Gesamtheit erkennbar zu machen.
Besonders die Arbeiten “Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844″ und “Die deutsche Ideologie” (1845-46), die zu Papier gebracht wurden, als Marx, nach den Worten von Engels, seine erste grosse Entdeckung machte, indem er die Entwicklungsgesetze der Menschheit entdeckte, waren zu Lebzeiten Rosa Luxemburgs noch nicht veröffentlicht. Rosa wurde fuenf Jahre vor der Erstausgabe der “Deutschen Ideologie” ermordet. Sie ist als “Zeuge gegen Marx” daher nicht geeignet, weil sie einfach nicht die Möglichkeit hatte, sich mit dessen Gedanken in ihrer Gesamtheit vertraut zu machen.
Damit stand sie jedoch leider nicht allein. Auch Wladimir Lenin hat diese Handschriften nie zu Gesicht bekommen. Dafür hat aber Jossif Stalin einen grossen Beitrag für die Vulgarisierung des Marxismus geleistet. Unter seiner “weisen Führung” wurde der Marxismus zu einem Katechismus unan-tastbarer Dogmen degradiert, an die man wie an eine Religionslehre zu glauben hatte.

Ende der 1980er Jahre , während der Ereignisse der sogenannten “Wende” und schon davor, unter dem Einfluss verständlicher und erklärlicher Enttäuschungen über den “realen Sozialismus”, erzeug-te allein der Name von Marx bei einem grossen Teil der sowjetischen Intelligenz eine Abwehrhal-tung. Die nahezu mystifizierte Erwartung von Wundern des Kapitalismus und die Wirkung eines mi-litanten Antikommunismus taten ein Übriges.
So steht heute vor den Marxisten die Aufgabe, Marx neu zu entdecken. Das verlangt unter anderem das Erfassen des marxschen Ausgangspunktes und des Algorithmus` der Entfaltung seiner Theorie, um daraus die Frage zu beantworten, ob wir tatsächlich das Recht haben, von einer Ganzheitlichkeit der Marxschen Theorie zu sprechen.

Was diente für Marx und Engels als Ausgangspunkt ihrer Theorie? Gelang es Ihnen, bereits zu Be-ginn der Untersuchungen den Gegenstand der Analyse als Ganzes zu erfassen?
Findet man in den Arbeiten von 1844-46 überhaupt eine Antwort darauf?

>> Weiter

актуализировано 14. Dezember 2007