KANN UNS MARX HELFEN EINE MENSCHLICHE ALTERNATIVE ZUM GEGENWÄRTIGEN ZUSTAND DER WELT ZU FINDEN? | Вальтраут Шелике

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KANN UNS MARX HELFEN EINE MENSCHLICHE ALTERNATIVE ZUM GEGENWÄRTIGEN ZUSTAND DER WELT ZU FINDEN?

Dr. Waltraut Schälike (Moskau)

Vortrag, gehalten am 6. Februar 2006
am Institut für Soziologie der Russischen
Akademie der Wissenschaften (RAN)

Aus dem Russischen übersetzt von Polf Schälike und Dr. Karl Harms

Die Prozesse, die heute in einer ganzheitlichen, abhängigen und widerspruchsvollen Welt stattfinden, stellen die Menschheit vor Probleme, deren Lösung das Schicksal jedes einzelnen und aller Lebewesen des Planenten bestimmen. Stellt das Leben der so genannten „Goldenen Milliarde“ die allmächtige Matrix dar, welche den endlich gefundenen Weg zur Freiheit und Glück im All fixiert? Viele meinen, ja, dass wäre der einzige Weg für die Zivilisation, ungeachtet dessen, dass dieser Weg mit Kriegen einher geht, die Kluft zwischen Arm und Reich weiter erhöht und auf der faktischen Ungleichheit zwischen den Menschen und Völkern basiert.
Nach Meinung anderer führt die Profitsucht am Ende zur Selbstvernichtung der Menschheit in Folge einer Atomkatastrophe oder durch andere Zerstörungen der Umwelt.
Und der Kommunismus? Was ist das – die ewige Utopie und der Wunsch nach einem unerreichbaren Gottesreich auf Erden, in der Realität jedoch, die Beschränkung des Lebens auf eine Gulag-Hölle und des Staates auf den stalinschen Totalitarismus? Manche meinen, ja, der Kommunismus, das ist ein Weg zur Zerstörung der Zivilisation.
Andere jedoch sind überzeugt: auch wenn der erste sozialistische Aufbauversuch erfolglos war, diesen Weg solle man trotzdem wieder beschreiten, denn nur im Kommunismus kann die Menschheit Kriege, Unterdrückung und die unsittliche Ungleichheit zwischen den Menschen und den Völkern vermeiden. Vieles sei in dieser Beziehung beim ersten, siebzigjährigen Versuch, den Sozialismus aufzubauen, bereits erreicht worden.
”Die Welt kann anders sein!”, unter dieser voller Hoffnungen auf eine herrliche Zukunft gerichteten Losung begann das Soziale Weltforum, welches schon viele Jahre alle die versammelt, die bereit sind, einen Ausweg aus dem heutigen Krisenzustand der Menschheit zu finden. Dabei ist es durchaus verständlich, dass jeder entsprechend dem eigenen Können und Wissen seinen Ausweg sucht und vorschlägt, dabei oft das Wesentiche erkennt, manchmal aber auch ins Leere trifft.
Suche, Uneinigkeit, politisches Umherirren – das ist der heutige Zustand des gesellschaftlichen Bewusstseins, und das nicht nur in einem einzelnen Land, sondern weltweit.
Auf solchem Hintergrund des Gedankenstreits wächst erneut das Interesse an Marx.
”Marx return” – unter dieser Losung wurde im Januar 2006 eine Reihe von Vorträgen der internationalen XI. Rosa-Lexemburg-Konferenz in Berlin veröffentlicht, die der Suche nach Alternativen zu dem gegenwärtigen Zustand der Welt gewidmet war (die Konferenzmaterialien sind als Artikelserie in “Junge Welt”, Januar-Februar 2006, veröffentlicht worden). „Der Spiegel“ teilte in der Nummer 34/2005 mit, daß ca. 50% der Deutschen, der Ost- sowie Westdeutschen, die Marx´sche Kritik am Kapitalismus auch heute noch für aktuell halten. (S. “Junge Welt, 27.12.2005)
Es entsteht dabei freilich die Frage, ob Marx, der im weit zurückliegendem XIX. Jahrhundert lebte und tätig war, uns heute noch - im XXI. Jahrhundert - helfen kann, eine wirkliche Alternative zum gegenwärtigen Zustand der Welt zu finden. Um eine Antwort auf diese Frage zu geben, sollte man sich an die Methodologie (den Algorithmus) der materialistischen Geschichtstheorie wenden und sie neu durchdenken. Denn diese Methodologie wurde meiner Ansicht nach zu oft einseitig interpretiert.
Die Methodologie (der Algotithmus) der materialistischen Geschichtstheorie – dieser ersten großen Entdeckung von Marx – die er in den Jahren 1844-1846 machte, besitzt eine wichtige Fähigeit: die Wahrung der Ganzheitlichkeit des zu analysierenden Gegenstandes. Diese Ganzheitlichkeit wird dadurch erreicht, daß bei jeder neuen Kategoriereihe, bei dem erneuten Übergang vom Abstrakten zum Konkreten sich die Ganzheitlichkeit nicht verliert, sondern im Gegnteil weiter vertieft. Dadurch bekommen wir ein wichtiges Instument fuer die allseitige Analyse der Gegenwart.
Im Zusammenhang mit der oben gestellten Frage werde ich versuchen, einige Gründe für den Zusammenbruch der ersten Versuche, den Sozialismus im XX Jahrhundert aufzubauen, darzulegen. Ohne eine solche Betrachtungsweise ist es nicht möglich, eine ralistische und nicht nur gedankliche Alternative zum modernen Kapitailsmus zu finden und zu erkennen, ob sie überhaupt möglich und notwendig ist.
Gegenstand der Untersuchung
Zunächst wäre zu klären, was der Gegenstand der Theorie von Marx und Engels in den Jahren 1844-46, d. h. im Zeitraum ihrer ersten großen Entdeckung war.
Sucht man in der entsprechenden Literatur, so erkennt man, daß die Antwort auf eine für jede andere Wissenschaft einfache Frage sehr vielfältig ist. Andererseits haben uns Marx und Engels keine Rätsel aufgegeben. Schon im Titel ihrer Theorie ist der Gegenstand bezeichnet – die Geschichte, als der „praktische Prozess der Entwicklung der Menschheit“. In der „Deutschen Ideologie” erklären sie klar und deutlich:“Wir kennen nur eine Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte… auf die Geschichte der Menschen werden wir …einzugehen haben… . (Marx/Engels. Gesamtausgabe. Marx-Engels –Verlag Berlin 1932. Erste Abteilung. Bd.5. S.567-568).
Was treibt die Geschichte an? Wie kommen die Menschen gerade auf die eine und nicht auf andere Ideen? Wie entstehen Alternativen zu dem einen oder anderem geschichtlichen Weg? Diese Fragen stellten sich die jungen Marx und Engels, so wie wir sie uns auch heute stellen. Denn die Zeit, in der sie damals lebten, war ebenfalls eine Zeit der Umbrüche.
Die jungen Marx und Engels vertieften sich in die Theorien ihrer Zeit – analysierten die Standpunkte ihrer Zeitgenossen, studierten die Arbeiten ihrer genialen Vorgänger, um zu den Fragen Klarheit zu bekommen, die die Gemüter bewegten. Nach Erledigung dieser Arbeit haben diese jungen Menschen ihre Manuskripte, welche ihnen als Labor für die Ausarbeitung der eigenen Theorie dienten, bei Seite gelegt. Die erste große Entdeckung – „ das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte“ (K.Marx, F.Engels: Werke. Dietz Verlag. Berlin 1962. Bd. 19. S.335) - haben Marx und Engels ihren Nachfahren als Goldstaub hinterlassen, verstreut über viele Seiten von Entwürfen ihrer Manuskripte, die damals nicht veröffentlicht wurden.
Wir stehen jetzt vor der Aufgabe in den Arbeiten von 1844-46 die „Schlüssel“ zu finden, mit dessen Hilfe Marx und Engels folgerichtig eine Tür nach der anderen in die Geschichte der Menschheit öffneten. Als “Schlüssel” dienten die Kategoriereihen, eine Art ganzheitlicher „Urzellen“, bei denen diese Abstraktion nach Marx die Rolle eines Mikroskop spielte. Auf jeder Ebene der Erkenntnis „sah“ das „Mikroskop“ mit zusätzlicher „Schärfe“ immer tiefer in den gleichen Gegenstand hinein, welcher sich dem Betrachter jedoch immer wieder als Ganzes darstellte.

Womit beginnen ?
Im Kontext der historischen Aufgaben und der Ideensuche seiner Zeit betrachten Marx und Engels die Geschichte als das Leben der Menschheit, das über seine Verhaeltnisse zur Welt entsteht und sich immer wieder selbst reproduziert. Die menschlichen Verhaeltnisse zur Welt stellen das abstrakteste Verhältnis dar, welches den Gegenstand der Analyse in seiner Ganzheitlichkeit erfasst. Den allgemein gültigen Algorithmus für jedes der Verhältnisse der Menschen zur Welt entfaltet Marx in seinen „Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844“, und danach gemeinsam mit Engels in der „Deutsche Ideologie“. An dieser Stelle habe ich nicht die Möglichkeit, auf all den Reichtum der Marx´schen und Engels´schen Definitionen der menschlichen Verhältnisse zur Welt einzugehen. Hier sei nur gesagt, dass jedwede Verhältnisse der Menschen zur Welt auf der Einheit zweier miteinander untrennbar verbundenen Seiten bestehen: auf den Verhältnissen der Menschen zur Natur, d. h. ein Prozess, bei dem die Menschen die Natur bearbeiten, und auf den Verhältnissen der Menschen zu den Menschen, ein Prozess, bei dem die Menschen die Menschen bearbeiten.
Es ist wichtig festzustellen, dass der Begriff „menschlich“ nicht nur das Verhältnis der Menschen zur Welt bezeichnet, sondern dass dieses Verhältnis auch einen menschlichen (humanen!) Charakter besitzt, oder besitzen kann. Im menschlichen Leben finden sowohl menschliche als auch entmenschlichteVerhaeltnisse ihren Platz, eine Tatsache, die jeder Mensch bereits auf einem empirischen Niveau selbst erfaehrt, oder zumindesten erfahren kann.. Die menschlichen Verhältnisse zur Welt, und die ihnen eigenen Widersprüche in Form der Gegenzaezlichkeit menschlicher und entmenschter Verhältnisse sind keine Früchte von Phantasien. Sie gehören zur Wirklichkeit des menschlichen Lebens, gehören zur Geschichte der Menschheit, genauer, sie sind typisch für die ganze Vorgeschichte der Menschheit. Unter der Vorgeschichte der Menschheit verstehen Marx und Engels den gesamten Prozess der Entwicklung der Menschheit, der dem Kommunismus vorgelagert ( ist nich ein andere Ausdruck besser, ich weiss aber nicht welcher)) ist.
Es ist unschwer festzustellen, dass auch der erste Versuch des Aufbaus des Sozialismus im XX. Jahrhundert voller Widersprüche zwischen den menschlichen und entmenschlichten Seiten des Lebens war. Das ist eine der objektiven Ursachen für die diametral entgegengesetzten Bewertungen des „real existierenden Sozialismus“, was heute weit verbreitet ist und harten Streit erzeugt. Doch auch die beiden letzten Jahrzehnte russischer Geschichte sind ein anschaulicher Beweis dafür, dass die Überwindung der einen Form des entmenschlichten Lebens, mit einer neuen Form entmenschlichten Lebens wieder einhergeht.
Es genügt natuerlich nicht, diesen Widerspruch zu konstatieren. Es ist erforderlich, die Quellen für die Entmenschlichung des menschlichen Lebens zu finden, um zu verstehen, ob die Menschheit zur ewigen Widergeburt der Entmenschlichung ihrer Verhältnisse zur Welt verurteilt ist; oder ob dies lediglich eine Gesetzmäßigkeit der Vorgeschichte der Menschheit ist und die Welt wirklich eine andere werden kann.
Ohne eine Antwort auf diese Fragen wird jede neue Alternative zur gegenwärtigen Entmenschlichung im Leben der Menschen immer wieder und erneut eine neue Entmenschlichung erzeugen, und damit auch blutige Revolutionen hervorrufen, da, wie Marx vermerkt, „die soziale Revolution… eine Protestation des Menschen gegen das entmenschte Leben ist“ (Marx. K., Engels F. Dietz Verlag. Berlin 1961.Bd.1. – S. 408).

Die „Urzelle“ der Wirklichkeit.
. Es ist unmöglich, allein auf der Grundlage der Kategorie „menschliche Verhältnisse zur Welt“, wegen deren äußerst hohem Abstraktionsgrad, die real existierende, wirkliche Welt zu erklären und die wirklichen Quellen für die Negation der menschlichen Verhältnisse durch entmenschlichte aufzudecken, sowie die Quellen für die Entstehung neuer menschlicher Verhältnisse in der gleichen Wirklichkeit zu erkennen. Es wird notwendig, auf eine konkretere Ebene der Analyse des Lebens der Menschen in ihrem praktischem Entwicklungsprozess zu gelangen.
Betrachten wir dazu die allgemeinen Definitionen von Marx und Engels für die Wirklichkeit.
Es ist bekannt, dass jede auszuarbeitende wissenschaftliche Theorie bestimmteAusgangspunkte voraussetzt. Von ihrer Auswahl hängt die weitere Entfaltung der Theorie ab. Marx und Engels haben in ihrem Werk „Die deutsche Ideologie“ klar und deutlich die Ausgangspunkte für die menschliche Wirklichkeit gekennzeichnet, und unterstrichen, dass das keine Dogmen, keine geistigen Phantasien, sondern wirkliche Voraussetzungen sind, „von denen man sich nur in der Einbildung abstragieren kann“. (K. Marx , F. Engels. Werke. Dietz Verlag. Berlin 1958. Bd. 3. S.20)
Es sind drei dieser Vorraussetzungen :

a) „die wirklichen Individuen“;
b) die „Aktion“ der Inividuen;
c) die „materiellen Lebensbedingungen“ der Individuen, „sowohl die vorgefundenen, wie die durch ihre eigene Aktion erzeugten“. (Ibidem)

Wir haben vor uns die ganzheitliche “Urzelle” der menschlichen Wirklichkeit.
Gleich zu Beginn sei vermerkt, dass jede Seite der Vorraussetzungen durch die beiden anderen definiert wird und gleichzeitig Bestandteil jeder der beiden anderen ist. Die Vorraussetzungen sind nicht nur solche, dass keine Seite ohne der beiden anderen verstanden werden kann, sondern auch die, dass keine Seite dieser Zelle die einzig bestimmende ist, weil sie selbst ohne der zwei anderen nicht existiert
Das letztere sollte unterstrichen werden, um die weit verbreiteten Stereotypen über die materialistische Geschichtstheorie zu überwinden. Nach diesen Stereotypen werden die materiellen Bedingungen (in anderen Varianten das „Sein“, die „Basis“) als etwas außerhalb der wirklichen Individuen und außerhalb deren Tätigkeit dargestellt und in dieser begrenzten Darstellung zum angeblich entscheidenden Faktor für den Verlauf der Geschichte der Menschheit erklärt. Eine solche Einseitigkeit widerspricht der Ganzheitlichkeit der Definitionen der bestehenden Wirklichkeit, welche sich auf der von Marx und Engels entdeckten dreiseitigen , einheitlichen “Urzelle“ aufbaut.
Die Beschränkung der Wirklichkeit auf die materiellen Bedingungen des Lebens der Menschen, welche außerhalb der wirklichen Individuen und außerhalb deren Tätigkeit bestehen, führt zu einer fatalen Sichtweise auf die Geschichte. Danach bräuchten die Menschen nichts mehr in ihrem eigenen Leben bewusst zu tun, als sich bedingungslos den sich ohne ihren Willen ändernden materiellen Lebensbedingungen anzupassen, welche als einzige Faktoren des historische Prozesses vorgegeben sind. Bei einer solchen Interpretation der Rolle der materiellen Lebensbedingungen werden diese als eine fremde, über den Menschen stehende Macht empfunden, und ersetzen unbewusst den Gott, den Teufel, die Ideen und andere jenseitige Kräfte, ähnlich dem absoluten Geist, welche außerhalb des Willens der Menschen, außerhalb deren Tätigkeiten, das wirkliche menschliche Leben bestimmen. Bei einer solchen Herangehensweise fallen die Individuen, mit ihren Trieben, Wünschen, Vorstellungen, Bedürfnissen aus der Geschichte heraus. Das Allerwichtigste dabei ist, dass sie aus Tätigkeiten herausfallen, mit denen sie ihre materiellen Lebensbedingungen und damit auch sich selbst verändern.
Drei Ausgangspunkte bestimmen auf der ersten und abstraktesten Ebene die Gesamtheit der Widersprüche, welche die Quellen für die Entstehung und das Bestehen der Entmenschlichung des Lebens bilden. Diese Quellen liegen
a) in den wirklichen Individuen,
b) in deren Tätigkeiten,
c) sowie in den materiellen Lebensbedingungen der wirklichen Individuen, sowohl der früheren als auch der heutigen.
Keine Seite der „Urzelle“ kann von der anderen losgelöst werden; alle drei bedingen einander, und – ich wiederhole mich – jede wird bestimmt durch den Zustand der beiden anderen, wobei sie selbst Bestandteil jeder der anderen Seiten ist.
Deshalb besteht die Gefahr einer bereits erwähnten Verabsolutierung materieller Lebensbedingungen vor allem auch darin, dass die Illusion entsteht, es sei möglich, die Entmenschlichung des Lebens der Menschen allein durch die Veränderung deren materieller Lebensbedingungen gewaltsam über die Politik zu überwinden, und dieses bei Beibehaltung des früheren Charakters der wirklichen Individuen selbst (insbesondere des Charakters ihrer Bedürfnisse) und, vor allem, des bisherigen Charakters ihrer Tätigkeit (in erster Linie durch Beibehaltung der Entfremdung ihrer Arbeit).
Im Irrglauben über die dominierende Rolle materieller Lebensbedingungen liegt eine der Ursachen für den Zusammenbruch des ersten Sozialismusversuchs. Erinnern wir uns: Der erste Versuch der „Einführung des Sozialismus“ geschah mittels Beseitigung des Privateigentums und seiner Umwandlung in Staatseigentum. Dieser politische Akt, gerichtet, wie es schien, mitten ins Herz der Wirtschaft, war nicht vom Abbau der Entfremdung der Arbeit begleitet, einer Entfremdung, die aus der vergangenen Gesellschaftsordnung übernommen wurde. Der Arbeiter stand nach wie vor an der Werkbank, der Bauer pflügte wie immer, im Schweiße seines Angesichts, seinen Acker. Das heißt, der Arbeitsprozess selbst blieb ein physisch schwerer und oft seelisch freudloser. Dann das Paradoxum! Beim Aufbau des „Sozialismus“ in der Sowjetunion wurde die entfremdete Arbeit durch eine entsprechende Politik von oben auch noch verstärkt und vertieft! Es genügt, auf den Höhepunkt des endfremdeten Charakters der Arbeit beim „Aufbau des Sozialismus“ in der Sowjetunion zu verweisen, auf die Zwangsarbeit von Häftlingen des GULAG, mit deren Arbeitskraft viele Bauten “des Sozialismu” errichtet wurden.
Marx und Engels haben, nebenbei bemerkt, unterstrichen, daß die kommunistische Revolution sich dadurch auszeichnet, „daß in allen bisherigen Revolutionen die Art der Tätigeit stets unangetastet blieb… während die kommunistische Revolution sich gegen die bisherige Art der Tätigkeit richtet…“ (K. Marx , F. Engels Werke. Dietz Verlag. Berlin. 1958. Bd. 3. S. 69)
Betont sei außerdem, dass Mitte des XX. Jahrhunderts keiner der „Sozialismen“ die Entfremdung der Arbeit hätte völlig beseitigen können und dass aus vielerlei Gründen. Ein Grund: Es war der Versuch des Aufbaus nur der ersten, der Übergangsphase, die unausweislich mit den Geschwüren der Vergangenheit belastet sein mußte und somit vom Kommunismus noch weit entfernt war (Heute verwechseln die Massenmedien und die Politiker den Kommunismus mit dem Sozialismus und bezeichnen die Vergangenheit der UdSSR mit dem Begriff Kommunismus. Weshalb eigentlich ?).
Aber auch auf der damaligen historischen Stufe wurde in der UdSSR, d.h. zu Zeiten der Sowjetmacht, das Analphabetentum beseitigt und die kostenlose allgemeine Schulpflicht eingeführt. Die Kinder der an den Boden gebundenen Bauern bzw. an die Werkbank gebundenen Arbeiter erhielten das Recht, und was das Wichtigste war, die reale Möglichkeit, kostenloser Hochschulbildung, um in die Kolchose z.b. als studierter Agronom und in den Betrieb als Ingenieur zurückzukehren. Ein Teil der Arbeiter- und Bauernkinder ging in den Partei- oder Staatsapparat. Nach erfolgreicher Karriere wurden viele von ihnen zur Lenkern und Führern des Staates auf den unterschiedlichsten Ebenen. Wenn auch die „Küchenfrau“ nicht direkt den Staat leitete, so wurden die Kinder einiger Küchenfrauen in der Tat Leiter staatlicher Organe.
Darun ist es durchaus nicht verwunderlich, dass viele Menschen den ersten Versuch des „Aufbaus des Sozialismus“ als Aufbau einer menschlichen Gesellschaft (in ihrem Verständnis!) empfunden haben, da dieser den Charakter ihrer eigenen Tätigkeit und ihre materiellen Lebensbedingungen veränderte und vor allem die Aussicht auf ein menschlicheres Leben der nächsten Generationen erhöhte.
In Wirklichkeit aber begaben sich nicht wenige der neuen Staatslenker, die zunächst aus den Zwängen ihres früheren Lebens in Stadt und Land befreit waren, in neue Gefahren: in den Kreislauf der Repressionen des eigenen Staatsapparates, deren Teil sie nun selbst waren. Außerdem wurde Seine Hoheit Planerfüllung zum Damoklesschwert in den Händen der übergeordneten Organe. Die Karriere jedes unterstellten Leiters war im Falle der Plannichterfüllung in akuter Gefahr. Das führte zu massenhafter Schönfärberei in den Planerfüllungs-Berichten. Allein diese Beispiele zeigen, daß man die Lebensbedingungen auch auf diesen Ebenen kaum als menschliche Lebensbedingungen der wirklichen Individuen bezeichnen kann.
Zu dem Gesagten muss man hinzufügen, dass der Erhalt und die Ausweitung des entfremdeten Charakters der Arbeit für die meisten der wirklichen Individuen unausweichlich die Anwendung irgendwelcher für den „Aufbau des Sozialismus“ notwendiger Arbeitszwänge voraussetzte. Der ökonomische Zwang war durch die Beseitigung des Privateigentums im wesentlichen gebrochen worden, es verblieb der außerökonomische, administrative Kommandozwang. Die Durchsetzung des Zwanges übernahm die staatliche „Nomenklatura“, die das Land mit neuen Arten der Gewalt überspannte. Das administrative Kommandieren der Menschen führte zwangsläufig zur Entfremdung der Führungskader von den werktätigen Massen, aus deren Reihen sie selbst hervorgekommen waren und aus deren Reihen sie ihren eigenen Nachwuchs rekrutierten.
Die “Volksmacht” erwies sich letztlich als eine vom Volk entfremdete Macht. Nach A.W. Buzgalin entstand so ein mutanter Sozialismus (Busgalin A.W. „Renessans sozialisma“. Moskwa. Verlag URSS. S. 378-385), welchen man eigentlich gar nicht als Sozialismus bezeichnen möchte.
Da meine Aufgabe in diesem Artikel nicht darin besteht, die Gesamtheit aller Ursachen der Entmenschlichung der sozialistischen Wirklichkeit in der UdSSR zu analysieren, beende ich an dieser Stelle meine Überlegungen zu diesem Problem. Bemerken möchte ich allerdings, daß es nicht einfach sein wird, eine Alternative zu dem siebzigjährigen Weg „der Einführung des Sozialismus“ in der Sowjetunion zu finden.
Den Weg, den Russland nach dem Zusammenbruch des Sozialismus betreten hat, kann man allerdings auch nicht als eine wirkliche Alternative zu einem entmenschtem Leben bezeichnen. Auch dieser Weg braucht eine Alternative.

Wo findet man menschliche Alternativen zum gegenwärtigen Zustand der Welt mit ihren Emtwicklungstendenzen und ihren neuen Problemen?
In der heutigen Wirklichkeit!
Tatsache ist, dass heute, ebenso wie in der siebzigjährigen Vergangenheit unseres Landes, nicht nur eine entmenschlichte, sondern auch eine menschliche, eine humane Welt existiert. Es genügt, an die Vielzahl existierender, nichtkommerzieller Organisationen zu erinnern, die nicht dem Profit nachajgen, sondern aktive Hilfe leisten: den Menschen in Not, den Schwerkranken, den Flüchtlingen, den Opfern des Terrors usw. Dazu zählen auch vielfältige Tierschutz- und Naturschutzorganisation. Die wirklichen Individuen, die an einer solchen Tätigkeit beteiligt sind, haben es verstanden, unter den bestehenden Bedingungen für sich persönlich den entfremdeten Charakter ihrer Arbeit zu überwinden und ein neues Betätigungsfeld zu finden. Sie haben für sich selbst eine „Selbstbetätigung“ (nach Marx) gefunden, die Ihnen zusagt und gleichzeitig dem Wohle der Menschen oder der Natur dient. Zu dieser Art Selbstbetätigung kann man z. B. auch die vielfältigen kostenlosen Zirkel, Chöre und Sportgruppen zählen. Auch hier haben die freiwilligen Leiter solcher schöpferischen Gruppen den entfremdeten Charakter ihrer Arbeit überwunden. Das betrifft natürlich auch die Menschen, die das Glück haben eine solche Art Tätigkeit als bezahlte Arbeit zu leisten. Die meisten Menschen haben aber ein solches Glück leider nicht.
An diesen einfachen Beispielen (die man natürlich beliebig erweitern könnte) erkennt man bereits, daß diese menschliche, humanitäre Tätigkeit real existiert und sich vor unseren Augen weiter entwickelt.

Wichtig ist an dieser Stelle daran zu erinnern, daß Marx und Engels die „wirkliche Revolution” auf der Basis von drei Voraussetzungen der Wirklichkeit definiert haben.
Die wirkliche Revolution stellt sich praktisch als eine umgestaltende Tätigkeit der wirklichen Individuen dar, die gegen die Entmenschlichung ihres Lebens protestieren.
Die revolutionäre Tätigkeit verändert die wirklichen Individuen, die „sich den ganzen Dreck vom Halse… schaffen (Ibidem. Bd. 3. S.70), und sie verändert auch deren materiellen Lebendsbedingungen.
Aus dieser Sicht erscheint die wirkliche Revolution nicht einfach als ein bewaffneter Aufstand mit Schießereien und gewaltsamer Machtergreifung, was im Atomzeitalter übrigens auch zur Selbstvernichtung der Menschheit führen könnte. Die wirkliche Revolution stellt eine ganze Epoche sozialer Revolutionen dar. Sie ist ein langwieriger Prozess des Abbaus entmenschlichter Verhältnisse, ein Prozess der Verwirklichung einer wirklichen Alternative zum gegenwärtigen Zustand der Welt. Es ist eine Tätigkeit zur Durchsetzung humaner Verhaeltnisse zur Welt.
”Die Welt kann wirklich anders sein!”, aber der Weg dorthin ist ein langer und betrifft die gesamte Menschheit.
Ein Jeder kann heute schon damit beginnen. Das setzt jedoch voraus, dass der Mensch das Bedürfnis und die Möglichkeit hat, den Charakter seiner eigenen sozialen Tätigkeit im Kern zu verändern und damit auch seine sozialen Lebensbedingungen anders zu gestalten.

Soziale Tätigkeit. Epoche der sozialen Revolutionen

Um zu verstehen, was die Epoche der sozialen Revolution bedeutet, wenden wir uns den allgemeinen Definition von Marx uns Engels bezüglich der sozialen Tätigkeit und deren Widersprüchen zu.
Auf der neuen Ebene des Übergangs vom Abstrakten zum Konkreten wird die Tätigkeit der wirklichen Individuen als die Produktion des materiellen Lebens durch die lebenden Individuen bezeichnet. Es ist unschwer zu erkennen, das die Rede hier von den allgemeinen, historischen Tätigkeitsakten der Menschen sein wird, die seit den Anfängen der Geschichte bis zum heutigen Tag existieren.
Die soziale Tätigkeit zeigt sich als dreiseitig. Das Gemeinsame aller drei Seiten der sozialen Tätigkeit besteht darin, daß jede Tätigkeit der drei Seiten der Befriedigung der menschlichen Lebensbedürfnisse dient. Diese Befriedigung wird von den Menschen durch drei Aktionen verwirklicht:
a) durch das Erzeugen von Mitteln zum Leben, zwecks Befriedigung der Lebensbedürfnisse;
b) durch das Erzeugen von Instrumenten für die Befriedigung der Lebensbedürfnisse und damit einhergehend die Erzeugung neuer Bedürfnisse im Prozess der Befriedigung der Lebensbedürfnisse;
c) durch das Erzeugen von Menschen und das Erzeugen sozialer Verhältnisse zwischen den Menschen zwecks Befriedigung der Lebensbedürfnisse. (K.Marx, F. Engels. Werke. Dietz Verlag. Berlin 1958. Bd. 3 S. 28-29) Alle drei Seiten der sozialen Tätigkeit schließen die Prozesse zur Befriedigung der Lebensbedürfnisse lebender Individuen in sich ein, werden jedoch nicht allein darauf begrenzt. Die soziale Tätigkeit - und das sei unterstrichen – ist die Einheit der Schaffungsakte (der Mittel zum Leben, der Bedürfnisse der Menschen, der Instrumente zur Befriedigung der Bedürfniss, der Menschen und der sozialen Verhältnisse) und der Akte zur Befriedigung der Lebensbedürfnisse (wobei die Lebensbedürfnisse nicht nur Konsumbedüfnisse, sondern auch schöpferische Bedürfnisse sind!)
Wichtig ist es zu unterstreichen, dass am Prozess der Befriedigung der Lebensbedürfnisse notwendigerweise jedes einzelne Individium teilnimmt, da niemand einen anderen beauftragen kann, für ihn zu trinken, sich anzuziehen und vieles andere mehr zur Befriedigung der eigenen, individuellen Bedürfnisse zu tun. Am Schaffensprozess aber, d. h. der Herstellung von Mitteln zum Leben, von Instrumenten zur Befriedigung der Bedürfnisse usw, ist nicht jedes Individium wirklich beteiligt, obwohl die Ergebnisse dieser Tätigkeit alle benötigen. So sind zum Beispiel an der Erzeugung von Mitteln fürs Leben kleine Kinder oder arbeitsunfähige, alte Menschen wegen ihrer natürlichen Eigenschaften nicht beteiligt, obwohl sie auch alle Mittel zum Leben benötigen.
Das Subjekt der sozialen Tätigkeit ist somit von Anfang an zweigeteilt in ein jedes Individium als einzelnes und alle Individuen als gemeinsame.

In dieser Teilung des Subjekts der sozialen Tätigkeit in jedes und alle liegt eine Quelle für die Entmenschlichung menschlichen Lebens verborgen. Zum Beispiel: Wenn wenig Mittel für das Leben gefunden und erzeugt worden sind, muss irgend jemand auf dieser Welt sterben. Im Interesse aller wurden in Sparta kranke Kinder von den Felsen geworfen. Im Interesse aller wurden in der Tundra, in Hungerszeiten, die Alten getötet. In Japan sind Berge zu besichtigen, wohin in früheren Zeiten die Alten freiwillig aufstiegen, um dort zu sterben und damit die jungen Familienangehörigen zu entlasten.
Aber auch heute noch sterben die einen an Hunger und die anderen schlucken Tabletten um das durch Freßsucht angesammelte Übergewicht abzuspecken. Berechnungen zeigen, dass allein die Ausgaben für elitäre Kosmetik in den Ländern der „Goldenen Milliarde“ ausreichen würden, um die Welt von Hungersnöten zu befreien. Ist das nicht auch eine Entmenschlichung des menschlichen Lebens?
Aber auch die erzeugten Mittel fürs Leben können sich als Quelle der Entmenschlichung erweisen, und zwar immer dann, wenn sie der Natur des Menschen widersprechen (minderwertige Medikamente, überlagerte Lebensmittel, erdbebenunsichere Wohnungen usw.). Solche Mittel fürs Leben werden für die einen zur Todesursache (physische oder psychische), für die anderen zur Quelle des Profits. Für beide Seiten wird damit das Leben entmenschlicht.
Selbst der Prozess der Erzeugung von Mitteln zum Leben kann für das Individium zu einem konterproduktiven, zerstörerischen Akt werden (physisch unerträgliche Arbeit, psychisch deprimierende oder besonders eintönige Arbeit, Gewissensbisse wegen Mitwirkung an der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen usw.). So kann man auch hier Quellen für die Entmenschlichung des Lebens der Menschen erkennen.
Voller Widersprüche ist auch die zweite Seite der sozialen Tätigkeit der Menschen.. Alles, was zur ersten Seite gesagt wurde, äußert sich ebenfalls auch hier im Prozess der Herstellung von Instrumenten zur Befriedigung der Bedürfnisse.
Ergänzend sei gesagt, dass das Erzeugen neuer Bedürfnisse auch Quellen für die Entmenschlichung des Lebens der Menschen in sich birgt. Das Bedürfnis vieler Menschen nach Alkohol oder Drogen, nach Aggressionen gegenüber dem Nächsten, das Bedürfnis nach Krieg usw. sind alles Bedürfnisse, die auf Kosten des Lebens befriedigt werden (dem eigenem Tod oder dem Tod anderer). Nicht zufällig hat der Club of Rom die Veränderung der Bedürfnisse der Menschen seinerzeit als ein Problem der Menschheit erkannt.
Die dritte Seite der sozialen Tätigkeit besteht in der Erzeugung der Menschen durch Menschen sowie der Verhältnisse zwischen den Menschen. Die Widersprüche stechen hier förmlich ins Auge. Die Menschen (nicht alle!) zeugen Menschen im Prozess des Kinderkriegens. Aber wie viele demografische Probleme stürmen heute auf die Menschheit ein, wie viele persönliche Tragödien verstecken sich hinter diesem Weltproblem. Hier eröffnen sich unerschlossene, alternative Tätigkeitsfelder für die Vermenschlichung der Beziehungen zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und Kindern, der jüngeren Generation zur älteren usw. Natürlich wird auf diesem Gebiet heute schon eine beachtliche Arbeit geleistet.

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актуализировано 21. Januar 2008